Ich kann es einfach nicht lassen

Das Jahr 2018 beginnt bei mir mit einem Vakuum. Die zweite Jahreshälfte 2017 war meinem Pop-up Audio Doc Lab gewidmet. Mein erklärtes Ziel war es, audio- und podcastmässig zu experimentieren und herauszufinden, ob eine Zukunft als selbstständiger Produzent von Audiogeschichten in der Schweiz möglich ist. Was aufpoppt, ist definitionsgemäss vergänglich. Das ist bei meinem Pop-up Experiment nicht anders. Ende 2017 war Schluss.

Was nachher, das heisst jetzt kommt, habe ich immer offen gelassen. Unterdessen ist mein Entscheid gefallen: Die Zeit ist reif, mich wieder anstellen zu lassen. Dieses Mal jedoch von mir selber.

Aus dem temporären Pop-up Audio Doc Lab wird das beständige Audio Story Lab, genauer die Audio Story Lab GmbH. Sie ist gegenwärtig in Gründung, der formelle Antrag liegt beim Handelsregisteramt, das Logo ist in Entwicklung, die Website wird irgendwann Anfang Jahr stehen. Der temporäre Arbeitsplatz in der Tonstudio-Gemeinschaft Zone 33 in Bern wird mein definitiver. Das neujährliche Vakuum ist also von kurzer Dauer.

Gesellschaft mit begründeter Hoffnung

Es geht weiter mit meiner unbändigen Lust, Neues auszuhecken. Es geht weiter mit allen Unsicherheiten und gelegentlichen Frustrationen, die ein solcher Weg mit sich bringt. Neuland zu begehen heisst, auf Routine und Sicherheit zu verzichten und vieles zum ersten Mal zu machen (auch Fehler).

Das Audio Story Lab ist wie gesagt eine GmbH, für mich eine Gesellschaft mit begründeter Hoffnung. Seit ich beispielsweise noch im September 2016 in meinem Blog fragte, wann endlich die deutschsprachigen Zeitungsmedien auf den Podcastzug aufspringen, ist 2017 zum Jahr geworden, in dem genau dies geschehen ist.

Leider handelt es sich dabei noch immer zu oft um billig produzierte Talkshows, in denen sich die Redaktionen selbst abfeiern. Dass es auch anders möglich ist, beweist mit ersten aufwändigeren Formaten die Amazon-Tochter Audible. Und immer mehr zeigt sich bei deutschen öffentlich-rechtlichen Radiostationen die Lust an der Dokuserie oder den amerikanisch geprägten Spielformen des Erzählens.

Podcasts von SRF und anderen

In der Schweiz steckt das noch in den Kinderschuhen. Zwar erprobt SRF so einiges und 2018 werden einzelne Podcastprojekte spriessen. Aber ich habe noch von keinem Projekt erfahren, in dem die Produktionsbedingungen so sind, dass mit einem wirklich grossen Wurf zu rechnen ist. Dabei wäre das Knowhow riesig, aber die Konventionen sind häufig zu rigid. Der politische Druck durch die unsägliche No-Billag-Initiative, die wie ein Damoklesschwert über dem gebührenfinanzierten SRF hängt, hilft auch nicht, Mutiges zu wagen (denn solches eckt ja meist irgendwo an).

Auch in der Schweiz werden in den kommenden Monaten die einen oder anderen journalistischen Podcasts ausserhalb SRF neu zu hören sein. Viele Redaktionen von Online-Erzeugnissen, Zeitungen oder Magazinen, in denen podcastbegeisterte Leute tätig sind, machen sich zurzeit Gedanken über das Audio als neue Form. Das weiss ich aus diversen Gesprächen, die ich in der letzten Zeit mit solchen Leuten geführt habe. Bei den einen Projekten werde ich hoffentlich involviert sein, aber ich freue mich selbstverständlich über jede andere Initiative, die das Audio als attraktive Form entdeckt, um Geschichten zu erzählen.

Aufwändige Audioformate ermöglichen

Ich bin zuversichtlich, dass früher oder später auch in der Schweiz Stiftungen, Redaktionen, Sponsoren und was für Crowds auch immer den Wert sehen von aufwändigen Audiogeschichten und –serien und bereit sind, solche zu finanzieren. Der Produktionsaufwand für solche Formate ist grösser, als es heute beim Radio üblich ist. Aber die Produktion von Audiodokumentationen ist immer noch wesentlich günstiger als jene eines Dokumentarfilms. In diesem Zusammenhang: Ich fände es an der Zeit, bei SRF trotz oder gerade wegen schwindender Mittel mal eine teure TV-Produktion weniger, dafür eine kompromisslos aufwändige Audio-Produktion mehr zu ermöglichen – am besten als Podcast-first-Format.

Der hohe journalistische Standard, die gute technische Qualität und nicht zuletzt der ungehinderte Zugang zu Archivtönen und Musik prädestiniert die Öffentlich-Rechtlichen, bei der Entwicklung von neuen Erzählformen und Audioformaten zuvorderst dabei zu sein. Dafür braucht es indes Zeit und Geld. Das muss intern (Management) ermöglicht und extern (Gebührengelder) unterstützt werden (auch deshalb Nein zu No-Billag).

Audio Story als Geschäftsmodell

Zurück zu meiner persönlichen Realität. Was treibt mich 2018 um? Was nährt meine Hoffnung, dass die Audio Story in der Schweiz ein Geschäftsmodell werden könnte? Es geht hier sicher nicht um Big Business, aber darum, mit gepflegten und neuartigen Audioformaten neben (oder wieso mal nicht im) klassischen Radio ein bescheidenes Einkommen zu erzielen.

Etliches, was in meinem Pop-up Lab entstanden ist, möchte ich weiterverfolgen. Ich kann zwar aus Diskretionsgründen nicht alle Projekte nennen, an denen ich 2018 aus jetziger Sicht beteiligt sein werde. So bin ich mit verschiedenen Redaktionen, die an der Podcastform interessiert sind, im Gespräch; bei mehreren ist wohl noch eine längere Finanzierungsschlaufe via Stiftungen nötig. Für eine Hochschule werde ich in einem kleinen Team ein Pilotprojekt für einen storybasierten Podcast realisieren (ich hoffe natürlich, dass daraus später mehr wird). Und wenn ich mich bei den ersten zwei kleinen Podcastexpertisen für SRF nicht aufgrund allzu schonungsloser Beurteilung unmöglich gemacht habe, sind ähnliche Beratungs- oder Weiterbildungsmandate denkbar.

Freies Experimentieren

Dann bin ich an zwei freien Podcastprojekten beteiligt. Das eine heisst „dütsch und deutlich“ und richtet sich an die über 300‘000 Deutschen in der Schweiz. Mein Partner als Co-Host ist Holger Ort, der in der Schweiz als einer der wenigen Radiojournalisten schon selber Podcasterfahrung hat. Für den Podcast sind wir zurzeit auf Geldsuche. Unser Trailer soll schon mal einen Eindruck geben, wie der Podcast inhaltlich und formal klingen wird.

Beim zweiten freien Podcastexperiment geht es sinnigerweise um Experimente. Dabei spanne ich mit Reto U. Schneider zusammen, den ich aus meinen Jahren als Wissenschaftsjournalist kenne. Reto betreut als stv. Redaktionsleiter des NZZ Folio die Kolumne „Das Experiment“, ist Autor des „Buchs der verrückten Experimente“ und passionierter Podcasthörer. Eine Auswahl von Experimenten, die sich besonders fürs Ohr eignen, möchten wir als Podcast zum Tönen bringen. Wenn alles gut kommt, wird er dieses Jahr zu hören sein - vorausgesetzt, wir können ihn finanzieren.

Live-Auftritt und Hörzirkel

Besonders freue ich mich auf Samstag, 24. Februar. Dann werde ich am Radio- und Podcastfestival Sonohr in Bern mit einer Premiere aufwarten: einer knapp halbstündigen Live-Audio-Doku mit dem Titel „Nur ein Kuss“. Ich werde die Geschichte vor Publikum erzählen, begleitet vom Klanggestalter Martin Bezzola und vom Visualisierer Manuel Schüpfer. Es wird für mich der Pilotversuch sein, jene Präsentationsform auf Schweizerdeutsch zu übertragen, an der ich an Live-Shows in San Francisco grossen Gefallen gefunden habe.

Im kleinen Kreis treffe ich mich seit einem halben Jahr mit einer verschworenen Gruppe von Gleichgesinnten zu einem Hörzirkel, an dem wir uns gegenseitig neueste Podcast-Entdeckungen vorspielen. Das inspiriert jeweils ungemein. Klar, dass der Hörzirkel 2018 weitergeht.

Gelegentlich kommt es vor, dass ich ob meiner vielen Ideen und Projekte, die nun Gegenstand der Audio Story Lab GmbH werden, etwas erschrecke. Mit bald 52 bin ich also Jungunternehmer. Was mein Netzwerk angeht, hat das grosse Vorteile. Doch bin ich als Teil einer vierköpfigen Familie zeitlich eingeschränkter als noch mit 30. Immerhin haben meine Frau und die zwei Kinder während unserer Monate in den USA die Podcastwelt kennen und schätzen gelernt. Sie unterstützen mich auf meiner beruflichen Gratwanderung zwischen Leichtsinn und Überforderung. Denn sie wissen, warum mein Herz für Audiogeschichten schlägt.