Printmedien im Podcastfieber

Vor ziemlich genau einem Jahr habe ich mich hier gefragt, wann endlich im deutschsprachigen Raum Zeitungsverlage ins Podcastgeschäft einsteigen. Nun kann man definitiv feststellen: Es ist soweit. Nachdem Pioniere wie die Rheinische Post, die Berliner Zeitung oder das Wirtschaftsmagazin brand eins mit Podcasts begonnen haben, ziehen nun auch mehr und mehr die grösseren Medienhäuser nach. Auffallend dabei ist, dass das digitale Audio als Geschäft der Online-Abteilungen gesehen wird.

Zeit Online hat – nachdem es schon länger den Zeit Wissen-Podcast gegeben hat - diese Woche drei neue Podcasts gestartet. Das Überraschendste (aus einem Haus, das ausserhalb des Onlineauftritts auf wöchentliche Vertiefung setzt) ist ein täglicher Newspodcast. Das Durchsichtigste (was die Hoffnung auf Downloadzahlen betrifft) ist ein wöchentliches Gespräch über Sex (um das Niveau zu sichern, führt es ein Wissenschaftsredaktor mit einer doktorierten Sexualtherapeutin).

Spiegel Online bezeichnet seinen Wahljahrpodcast „Stimmenfang“ als Erfolg und hat drei weitere Podcasts nachgelegt (mehr dazu erfährt, wer das Interview mit dem Verantwortlichen liest, das kürzlich der deutsche Journalist Sandro Schroeder veröffentlicht hat). Die Süddeutsche Zeitung plant ebenfalls Podcasts, wie mir an den Tutzinger Radiotagen zu Ohren gekommen ist. Und in der Schweiz hat das Medienunternehmen Tamedia angekündigt, auf Podcasts zu setzen und gibt erst mal – wie es auch der Economist macht - von einer Sprecherin vorgelesene Zeitungstexte testweise als „Audio-Artikel“ heraus (deren Sinn und Zweck sich mir nicht wirklich erschliessen).

USA als Vorbild

Angeheizt wird das deutsche Podcastfieber durch den Boom in den USA. Die Beliebtheit der Audios im Netz beim Publikum und zunehmend bei der Werbeindustrie bleibt deutschsprachigen Medienunternehmen nicht verborgen. Podcasts erreichen junge, gut gebildete, zahlungskräftige Hörerinnen und Hörer. This American Life, Serial und S-Town erreichen ein Millionenpublikum, der Newspodcast der New York Times, „The Daily“, stürmt die iTunes-Charts – warum sollen es da die Rheinische Post oder Zeit Online nicht auch versuchen?

„Alexa, ich will News“

Die Lust der Medien auf Hörstoff wird zusätzlich angeregt durch Geräte, die schneller unseren Alltag prägen werden, als wir uns das momentan vorstellen können: die Smart Speaker. Google Home, Amazon Echo, Apple HomePod sind zwar im deutschsprachigen Raum noch kaum präsent (und in der Schweiz noch nicht einmal auf dem Markt), doch das Rennen um die Audioinhalte, die die Smart Speaker auf Sprachbefehl von sich geben („Alexa, ich will einen Podcast hören“), hat bereits begonnen. So ist es kein Zufall, dass der Chefredakteur von Zeit Online, Jochen Wegner, seine neue Podcast-Initiative so begründet: „Die aktuelle Audio-Renaissance, die neue Plattformen wie Amazon Echo und Google Home zusätzlich beflügeln, hat auch uns inspiriert: In den kommenden Monaten experimentieren wir mit einer ganzen Reihe neuer Audio-Inhalte.“ Die Schweizer Tamedia bereitet sich mit ihren Audioinhalten ebenfalls auf die Smart Speaker-Zeit vor. "Sobald Alexa, Google Home, HomePod & Co. in der Schweiz offiziell erhältlich sind, wird Tamedia auch diese neuen Kanäle mit Kundinnen und Kunden intensiv testen", schreibt sie in ihrer Medienmitteilung.

Wachsende Konkurrenz für das Radio

Mit den neuen Playern verändert sich die Audiowelt, in der bisher die Radioleute das Sagen hatten. Was die Qualität der Audios aus den Printmedienhäusern betrifft, da haben die Audioprofis der Funkhäuser und Radiostationen noch wenig Konkurrenz zu befürchten. Talks und Interviews führen sie immer noch besser. Und wenn es um Geschichten geht, für die man den Schreibtisch oder das Internet verlassen muss, können die Radioleute definitiv ihre Stärken ausspielen.

Doch kann sich dies alles ändern. Und zwar auf beiden Seiten. Medienunternehmen können sich erfahrene Radioleute ins Boot holen, wie das besonders stark in den USA und vereinzelt auch schon in Deutschland geschehen ist. Noch sind die deutschen Podcasts aus den Medienhäusern ein schwacher Abglanz der amerikanischen Vorbilder. Das hat mit mangelnder handwerklicher Erfahrung, aber ebenso stark mit knappem Geld zu tun. Journalistische Geschichten in der Kunst des amerikanischen Storytelling zu erzählen ist aufwändig und teuer. Aber wer weiss, nach den billigeren Pionierpodcasts wagen sich Medienunternehmen vielleicht später auf handwerklich und erzählerisch anspruchsvolleres Terrain (was zu hoffen ist).

Den Hang zum Billigen, Schnellen haben andererseits leider auch viele Rundfunkanstalten entwickelt (sie packen immer mehr in die Arbeitszeit ihrer Leute, um online ebenfalls präsent zu sein). Trotz einiger verheissungsvoll neuartig klingender Features und Podcastserien geht die hörbare Erneuerung im Hörangebot der Öffentlich-Rechtlichen nur langsam voran. Noch gibt es viele innere Widerstände, sich auf die neuen Erzählweisen einzulassen, die Zeit und das Geld dafür freizugeben und den Joker der grossen technischen und inhaltlichen Audio-Erfahrung (und beispielsweise der grossartigen Archivtöne) auszuspielen.

Gegenseitige Befruchtung

Das Jahr 2017 macht deutlich, dass sich die öffentlich-rechtlichen Rundfunkhäuser überlegen müssen, wie sie sich auf die neue Konkurrenz der „Zeitungs-Podcasts“ einstellen wollen. Audio ist nicht mehr ihr Monopol. A propos: Ich habe in Tutzing gehört, dass die Audioplattform Audible in diesem Herbst rund 20 neue deutschsprachige Podcasts anbieten will. Und dass das Mutterhaus von Audible, Amazon, in Deutschland ebenfalls neue Podcasts plant, wohl auf der Suche nach Inhalten für ihren Smart Speaker.

Konkurrenz schadet den Radiostationen nicht. Im positiven Fall macht es sie sogar besser. In den USA sind die besten Podcasts von Leuten kreiert worden, die ihr Rüstzeug beim National Public Radio geholt haben. Häufig sind diese Podcast nun wieder Teil des NPR-Programms. Anderes Beispiel: Die NYT lanciert „The Daily“, NPR antwortet mit dem Newspodcast „Up First“. Beide werden pro Tag rund 750‘000 mal heruntergeladen. So befruchtet sich die Audioszene gegenseitig. Wieso nicht auch im deutschsprachigen Raum?