Ab Sommer: This‘ Pop-up Audio Doc Lab

Meine Zeit in Berkeley (wo ich mit meiner Familie gewohnt habe) und in San Francisco (wo ich als Resident bei Swissnex einen Arbeitsplatz hatte) neigt sich dem Ende zu. Meine Ernte ist ertragreich, aber noch lange nicht verarbeitet.

Im zweiten Halbjahr 2017, wieder in der Schweiz, widme ich mich deshalb konkreten Audioexperimenten. Ich gründe dafür This‘ Pop-up Audio Doc Lab. Audio Doc steht für Audio Documentary. Was dies beinhaltet, erkläre ich weiter unten.

Ich will in diesem Lab Neues ausprobieren, Podcast-Piloten produzieren und vielleicht gar eine Bühnenshow konzipieren. Immer geht es dabei um nicht-fiktionale Geschichten, um unseren hörbar gemachten Eindruck der Wirklichkeit.

This‘ Pop-up Audio Doc Lab poppt im Sommer auf und ist vergänglich wie alles im Leben. Ende 2017 ist Schluss mit lustig. Dann beginnt wieder der Ernst des Berufslebens. Je nach meinen Erfahrungen gründe ich entweder eine Audio Doc-Produktionsfirma (deren Namen ich schon wüsste) oder ich wende mich konventionellerem Geldverdienen zu.

Neues zu kreieren gelingt viel besser zusammen als allein. Ich brauche den Austausch, ein Einzelkämpfer will ich nicht sein. Schon gar nicht zuhause in der Mansarde.

Deshalb suche ich ab dem Sommer:

  • ein Atelier im Raum Bern mit Platz für eine schallisolierte Kabine oder in Nähe eines benutzbaren Tonstudios
  • im ersten Fall eine schallisolierte Kabine oder Hobbyhandwerker, die schon immer mal ein Tonstudio basteln wollten
  • Tontechnik-Profis, die mich beraten können bei der Anschaffung und Installation der Studioeinrichtung
  • Radio-Erfahrene, die Lust auf neue Erzählformen haben und aus ihrer Routine ausbrechen möchten
  • gute (wahre) Geschichten, die sich für eine Audiodokumentation eignen
  • Audiophile, die in einem regelmässigen Podcast-Zirkel mit Lust gelungene Audio Documentaries aus aller Welt sezieren und analysieren
  • Tontechnik-Profis, die interessiert sind an neuen Formen des Sound Design für Audio Docs
  • Dokumentarfilmer/innen, die wissen, wie man ein Drehbuch schreibt und einen Soundtrack kreiert
  • Dramaturg/innen, die beim Erzählen von (wahren) Geschichten helfen können
  • Musikerinnen und Musiker, die gerne den Soundtrack für Audiodokumentationen liefern
  • Online-Affine, die wissen, wie aus einem Audio ein Podcast wird, von dem die Leute da draussen wissen
  • Finanz-Interessierte, die Ideen haben, wie für Podcasts Geld zu holen ist (z.B. bei Medienunternehmen, Stiftungen, durch Crowdfunding oder Micropayment)
  • Projekt-Erfahrene, die wissen, wie ein für alle Seiten attraktives Budget zustande kommt
  • Tontechnik-Profis, die Erfahrung mit Audio-Live-Events auf der Bühne haben
  • Radio-Erfahrene, die an live inszenierten wahren Geschichten auf der Bühne interessiert sind.

Ich suche also – neben einer Lokalität – neugierige, (teil-)kompetente Menschen, die sich mit mir einmalig oder regelmässig austauschen, an etwas Grösserem mitarbeiten oder sich durch meine Pläne angesteckt fühlen. Und die als Audiophile das Gefühl kennen, unter dem Kopfhörer gebannt einer wahren Geschichte zuzuhören – tief berührt, verblüfft oder amüsiert – und zu denken: So etwas möchte ich auch einmal zustande bringen.

Als Agnostiker kann ich in diesem halben Jahr nicht einmal auf Gottes Lohn hoffen. Geld kann ich demnach niemandem versprechen für die Zeit, die ihr mit mir zusammensitzt, -hirnt und -arbeitet. Aber wenigstens kann ich kochen oder Kaffee machen oder Bier kaufen. Wer weiss – vielleicht entsteht ja etwas aus der Experimentiererei und Piloterei, das Zukunft hat. Das wäre mein Traum.

Wer sich angesprochen fühlt von This‘ Pop-up Audio Doc Lab und gerne mitwirken möchte, soll sich doch einfach kurz bei mir melden, am besten per e-mail auf twachter@gmx.ch. Ich freue mich unbändig über jedes Zeichen des Interesses.

Ab Juli bin ich wieder in Bern, wo ich hoffentlich bald darauf aus dem virtuellen This‘ Pop-up Audio Doc Lab ein tatsächliches machen werde.

Audio Doc als Evolution einer Tradition

Ich verwende den Ausdruck Audio Doc als Kurzform von Audio Documentary, eine Bezeichnung, die ich von John Biewen übernommen habe. Er lehrt am Center for Documentary Studies der Duke University und beweist mit seinem Podcast Scene on Radio, dass er Meister seines Fachs ist. Biewen ist Mitherausgeber des Buchs „Reality Radio – Telling True Stories in Sound“. Ich habe die zweite Auflage, die neu herausgekommen ist, richtiggehend verschlungen (und ich werde das Buch immer mit den idyllischen Holzbänken des Botanischen Gartens in Berkeley verbinden, auf denen ich es gelesen habe). Audio bedeutet, dass Hörbares heute nicht mehr nur im Radio zu geniessen ist. Und Documentary steht für den neueren Zugang ans Nicht-Fiktionale, der näher beim Film ist, Musik verwendet, subjektiver ist, stark von den englischsprachigen Podcast-Erzählformen geprägt ist, aber auch von einer bedeutenden Tradition lebt, die in den USA Radio Documentary und in Europa Feature genannt wurde. Die Vergangenheitsform ist hier bewusst gewählt: Zwar existiert das Feature noch, doch ist es eine der aufwändigsten Radioformen – und damit eine, die vom Aussterben bedroht ist, oder zumindest von Spar- und Effizienzsteigerungsmassnahmen in den öffentlich-rechtlichen Sendern.

Deshalb braucht es frischen Wind für die Ohren. Und darum setze ich im kommenden halben Jahr hier an. Weil ich fest daran glaube, dass für Audio Documentaries unter all jenen, die ein Smartphone und Kopfhörer haben, ein Publikum zu finden ist. Und weil wahre Geschichten unter dem Kopfhörer einen Sog der Intensität und Intimität entwickeln können, dem man sich schwer entziehen kann.

Sounds of a Sabbatical

Ach ja, wer noch wissen will, was ich eigentlich alles in meinem Sabbatical gemacht habe, hier ein kurzer Zusammenschnitt, in dem vieles fehlt (insbesondere alle alltäglichen und aussergewöhnlichen Familienaktivitäten und Exkursionen in die Natur und Kultur der Bay Area):

Ich war bei der Happy Hour und später im Studio von Reveal, habe im Radiostudio von KALW den Sounddesigner und Podcaster Chris Hoff kennengelernt, habe von 99% Invisible-Produzentin Avery Trufelman eine Führung durch Oaklands Bars und das 99pi-Studio bekommen, war im Publikum der Live-Shows von Snap Judgement mit Glynn Washington, Radiotopia mit Roman Mars und The World According to Sound, habe mir unzählige Podcasts angehört, darunter die hervorragende Serie über die Folgen der Gentrifizierung auf die Agglomeration von San Francisco im Podcast Q’ed Up des NPR-Senders KQED, die augenöffnende Serie „Seeing White“ in John Biewen’s Podcast Scene on Radio und natürlich den Siebenstünder S-Town, habe über letzteren auf SRF 2 Kultur berichtet, habe für SRF den 98-jährigen, umwerfenden Wissenschaftsredaktor David Perlman porträtiert, habe bei einer Gedenkveranstaltung zu 50 Jahren Black Panthers Gründungsmitglied Bobby Seale zugehört, bin am Valentinstag mit Freiwilligen über die Golden Gate Bridge spaziert, die dort Suizide verhindern wollen, habe San Francisco durch die exzellenten Audioführungen von Detour besser kennengelernt, habe für Swissnex eine Interview-Podcastserie über neue Ansätze der humanitären Hilfe produziert, habe an der Stanford University den Journalisten Jake Warga getroffen, der am Storytelling Lab mit Studierenden Podcasts produziert (was ich gerne an einer Schweizer Hochschule ausprobieren möchte), habe mit einem Erdbebenforscher der UC Berkeley über sein neues Crowdsourcing-App MyShake gesprochen und in einer Fabrikhalle Tonaufnahmen des Earthquake Shaking Tables gemacht,  habe mit einer Molekularbiologin über ihren Lucky Failure gesprochen, habe eine Soziologin, eine Genetikerin und einen Rechtsprofessor gefragt, warum die Amerikanerinnen und Amerikaner immer noch von menschlichen Rassen sprechen (und warum wir bei der Anmeldung unserer Kinder an die hiesige Schule den Race Code angeben mussten – 600 für weiss). Und ich habe Töne aus der Forschung gesammelt.

Etliche Tonaufnahmen sind noch unverarbeitet, einige Experimente laufen weiter. So sammle ich Erfahrungen im Geschichtenerzählen ohne Erzähler, das heisst in Audiogeschichten, in denen meine eigene Stimme nicht vorkommt. In einem Übungsstück mit der Molekularbiologin über ihr glückliches Scheitern tönt dies so (Musik von Blue Dot Sessions und bensound.com):

Töne aus der Forschung werde ich weiterhin sammeln. Einige von ihnen werden womöglich dereinst in einem Wissenschaftsableger des 90-Sekunden-Podcasts The World According to Sound zu hören sein. Hier ist der Ton die Story. Eine kurze Erklärung auf Englisch ordnet das Gehörte ein. Live-Shows ergänzen den Kürzest-Podcast. Die Macher Chris Hoff und Sam Harnett leben und arbeiten in San Francisco. Ich habe sie mit der Idee infizieren können, einen Ast ihres Podcasts auf Sounds of Science auszurichten (die sie bis jetzt nur gelegentlich verwendeten, zum Beispiel in dieser Episode hier). Nun sind wir dabei, einen Pitch für das Ausbauprojekt zu formulieren und dann international Geld dafür zu suchen. Dazu hoffentlich bald mehr.