Wissenschaft als Podcast-Tummelplatz

Science Podcast? Radiolab! Das ist häufig der Reflex. Klar setzen Jad Abumrad und Robert Krulwich nach wie vor Massstäbe, wenn es um das Erzählen von Wissenschaftsgeschichten geht. Doch Radiolab ist weit mehr als ein Wissenschaftspodcast. Und Wissenschaftspodcasts sind weit mehr als Radiolab.

Der englischsprachige Raum scheint ein besonders fruchtbares Biotop von Science Podcasts zu sein. Die Diversität ist unüberblickbar gross: 60-Second Science, Science vs, Science Friday, Probably Science, The Naked Scientists, Talk Nerdy, Stuff You Should Know, Stuff to Blow Your Mind, Brainstuff, The Hidden Brain, Brains On!, The Story Collider, Flash Forward, Undiscovered, Invisibilia, Wow in the World, Science Solved It, All In The Mind, You Are Not So Smart...

Wissenschaftler podcasten für Wissenschaftler

Die beste Übersicht bietet zurzeit eine Liste, die der britische Physiker und Podcastfan Lewis E. MacKenzie zusammengetragen hat. Sie enthält über 100 englischsprachige Wissenschaftspodcasts.

Etwa ein Viertel rechnet er jener Gattung zu, die Wissenschaftsinsider ansprechen. Dazu gehört This Week in Virology, in dem in der Szene bekannte amerikanische Virologen jede Woche die neuesten Forschungsresultate und Publikationen diskutieren. In der Tat bin ich letztes Jahr von einem Professor der Universität Bern auf diesen Podcast aufmerksam gemacht worden. Offenbar ist dieser Podcast ein Must für Virologen weltweit. Dies zeigt, dass es für Wissenschaftspodcasts viele Nischen gibt und sich in diesen Nischen etliche Fangruppen finden. Und weil Englisch DIE Wissenschaftssprache ist, profitieren Science Podcasts, die weltweit Wissenschaftler ansprechen, zusätzlich vom Boom im englischsprachigen Raum.

Ohne eine genaue Recherche gemacht zu haben würde ich schätzen, dass mindestens drei Viertel der Science Podcasts von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern oder Science Fans produziert werden. Diese Podcasts sind zwar häufig inhaltlich kompetent, meist geradezu euphorisch, aber formal und technisch fallen sie zu oft ab.

Science Podcast als Erfolgsprodukt

Bei Podcasts von Leuten mit journalistischem Hintergrund gibt es grosse Unterschiede in der Machart: Die einen tönen kommen noch eher konservativ daher (z.B. der Science Magazine oder der Nature Podcast), andere sind etwas lockerer (wie zum Beispiel die 25-jährige Radio- und Podcastshow Science Friday), dritte sind stark vom neuen Groove in Sachen Ansprache, Storytelling und Sounddesign geprägt. Dazu gehört Science Vs, präsentiert von der (mir manchmal etwas allzu überdrehten) Australierin Wendy Zukerman.

Science Vs ist ein guter Beleg dafür, dass (im englischsprachigen Raum) ein gut gemachter Science Podcast auch kommerziell interessant sein kann. Das Podcastunternehmen Gimlet Media in New York hat Wendy Zukerman unter Vertrag genommen, nachdem sie die erste Staffel für die Australian Broadcasting Corporation ABC produziert hatte. Für Gimlet Media war die Akquisition offenbar so erfolgreich, dass nun bereits die dritte Staffel läuft.

Der Erfolg solcher Science Podcasts, die zunehmend von privaten Podcastunternehmen und von NPR-Stationen produziert werden, wirft Schatten auf die unabhängigen Podcaster. Rose Eveleth vom Podcast Flash Forward hat es gegenüber dem Blogger Nicholas Quah so ausgedrückt: „Früher konnte man unter die Top 50 von iTunes kommen, indem man einfach etwas über Wissenschaft oder Medizin machte. Heute ist man nur vorne dabei, wenn man etwas wirklich Gutes, Überraschendes in hoher Qualität bietet. Der Wettbewerb ist härter geworden; die Spitze ist bevölkert von Podcasts mit ganzen Teams und Strukturen dahinter.“

Platz für Besseres

Dieses Phänomen zeigt sich im deutschsprachigen Raum nicht. Hier regieren noch die unabhängigen Wissenschaftspodcasts. Es sind rund 40 an der Zahl, wie der Übersicht auf www.wissenschaftspodcasts.de zu entnehmen ist. Die Liste stammt von einer Gruppe „wissen(schaft)s-begeisterter Podcasterinnen und Podcaster“ (wie sie sich selbst beschreibt).

Ein Indiz der Begeisterung ist oftmals die Länge der deutschen Wissenschafts-Podcasts, die gut und gern zwei Stunden dauern können. Da geht offenbar ob der Schwärmerei die Zeit vergessen. Ob dies allerdings beim Publikum ebenfalls der Fall ist, darf man bezweifeln. In technischer und formaler Hinsicht ist bei den meisten noch ziemlich viel Luft nach oben – zumindest in den Ohren eines von den englischsprachigen Top-Podcasts verwöhnten Radiojournalisten. (Hinweise für Beispiele, die meine Eindrücke widerlegen, nehme ich sehr gerne entgegen!)

Diese Kritik mag für all jene arrogant klingen, die unzählige Stunden investieren, um deutschsprachige Wissenschaftspodcasts zu produzieren. Ich gönne ihnen ohne Ironie jeden Hörer, jede Hörerin. Ich glaube einfach nicht daran, dass sie damit ein grösseres Publikum ansprechen können. Aber das wollen sie vielleicht gar nicht. Ihre Begeisterung jedenfalls ist bewundernswert.

Nur gehört Begeisterung halt eher weniger ins Vokabular von Journalisten, wie ich einer bin, als viel mehr von Wissenschaftsfans und der Wissenschafts-PR.

Stiftungen sollten Qualität fördern

A propos PR: Etliche deutschsprachige Wissenschaftspodcasts sind finanziert von Universitäten oder akademischen Gesellschaften wie der Helmholtz-Gemeinschaft, dem Stifterverband oder der Max-Planck-Gesellschaft. Das ist in den USA nicht anders. Nur gibt es dort dank Stiftungsgeldern bereits wirklich gut tönende, spannende, überraschende Podcasts. Es ist Zeit, dass solches auch im deutschsprachigen Raum zu hören ist. Ein langfädiges Gespräch mit einer Mathematikerin oder eine Podiumsdiskussion mit lauter Professoren als Podcast ins Netz zu stellen, bringt auch die Wissenschaftskommunikation nicht weiter.

Immerhin sorgt einmal mehr das deutsche Podcastlabel Viertausendhertz für einen Lichtblick. Die neuesten Auftragsproduktionen Wissen-Snacks für den Streamingdienst Deezer und Tipping Point (in Englisch) für die Heinrich Böll Stiftung tönen wahrhaft nach der neuen Podcastsprache. Wer sich fragt, wie Podcasts klingen sollten, kommt um die Berliner Pioniere nicht herum. Doch ausser auf der Frequenz Viertausendhertz ist in der Welt der deutschsprachigen Wissenschaftspodcasts noch viel Platz für Besseres.

Die Rolle der Öffentlich-Rechtlichen

Immerhin gibt es ja noch die Wissenschaftssendungen der Öffentlich-Rechtlichen wie ARD, Deutschlandfunk, ORF oder SRF. Sie sind ja alle auch als Podcasts erhältlich. Und einige versuchen, die Ansprache und die Erzählformen podcastiger zu gestalten, wie der Deutschlandfunk Nova (früher DRadio Wissen).

In Europa sind die öffentlich-rechtlichen Sender noch stark. Das ist gut so. Doch eine Schattenseite davon ist, dass daneben kaum ein Markt für unabhängige Podcasts entstehen kann. In den USA mit dem viel grösseren Gesamtmarkt (von rund 300 Millionen potenziellen Hörerinnen und Hörern) und den weniger dominanten öffentlichen NPR-Sendern sind die unabhängigen (häufig von ehemaligen NPR-Leuten gegründeten) Podcasts ein Nährboden der Audio-Innovation, was umgekehrt auch wieder dem NPR zu Gute kommt.

Dieses befruchtende Wechselspiel zwischen traditionellerem, aber auf solidem Handwerk basierenden Radio und experimentellerem, innovativem Podcasting funktioniert so im deutschsprachigen Raum noch nicht. Umso wichtiger ist es da, wenn sich öffentlich-rechtliche Sender Freiräume schaffen, um mit neuen Erzählformen und Stilmitteln zu experimentieren. Das betrifft nicht nur Wissenschaftsthemen.