Investigativer Sound

Ungeklärte Mordfälle, giftige Rückstände im Boden, Trumps Mauer zwischen den USA und Mexiko: die Themen, über die der Podcast Reveal berichtet, sind nie leicht und lustig.

Seit zwei Jahren enthüllt der Podcast Geschichten, die im Center for Investigative Reporting CIR entstanden sind. Das 1977 gegründete CIR hat sich seit Jahrzehnten dem investigativen Journalismus verschrieben. In seinen schicken, loftartigen Redaktionsräumen in Emeryville auf der Ostseite der San Francisco Bay richten gut 60 erfahrene Journalistinnen und Journalisten die Scheinwerfer auf die Schattenseiten der Welt. Sie werden dafür mit vielen Journalismus-Preisen eingedeckt.

Das CIR liefert Artikel an Zeitungen und Online-Portale, Videobeiträge an TV-Sender und Audiostories an Stationen des National Public Radio. Und es tut dies eben auch im CIR-eigenen Podcast Reveal. Dieser wird als stündige Sendung den NPR-Stationen angeboten. Reveal-Host Al Letson führt zudem regelmässig vertiefende Interviews, die ebenfalls Teil des Podcasts (aber nicht der Radiosendung) sind. Der Podcast erzeugt gemäss Chefredakteurin Amy Pyle 1.5 Millionen Downloads pro Monat – seit der Wahl von Donald Trump steige das Interesse des Publikums und der Geldgeber (Stiftungen und Einzelpersonen) noch zusätzlich.

Tontechniker und Musiker

Für das Klangkleid von Reveal ist Jim Briggs zuständig. Ich treffe den zugänglichen Sound Designer in seinem Einzelbüro, das vom grossen, luftigen Redaktionsraum durch eine Tür abgetrennt ist. Mit gutem Grund: In Jims Reich sind die beiden Computerbildschirme von Lautsprecherboxen flankiert. Rechts daneben steht ein Keyboard. An seinem Arbeitsplatz kann es ganz schön laut werden.

Jim Briggs, Sound Designer von Reveal, in der Regie des Aufnahmestudios.

Jim Briggs, Sound Designer von Reveal, in der Regie des Aufnahmestudios.

Jim Briggs famoses Sound Design ist mir beim Hören von Reveal-Episoden immer wieder aufgefallen. So zum Beispiel in der Episode The Smuggler, in der der französische Journalist Raphael Krafft erzählt,  wie er vom Reporter zum Schlepper wurde. Im Schlüsselmoment seiner Erzählung setzt der Beat eines Schlagzeugs ein, bald folgt die Basslinie – zurückhaltend, aber wirkungsvoll bekommt die Erzählung zusätzlichen Drive.

Das ist die Handschrift von Jim Briggs, der alle Qualitäten dazu in seiner Person vereint. Er ist ausgebildeter Tontechniker, Musiker, Komponist und bringt viel Radio-Erfahrung mit. Bevor er zu Reveal an die US-Westküste gekommen ist, arbeitete er an der Ostküste für Radiosendungen und Podcasts (zum Beispiel für Radiolab) und machte den Sound für Dokumentarfilme. Bei Reveal kümmert er sich um die Studiotechnik („da habe ich möglichst viel so konfiguriert, dass die Leute es ohne mich nutzen können“) und das Abmischen sowie das Sound Design des Podcasts.

Meist am Schluss in Aktion

Jim Briggs ist im aufwändigen Editierprozess das letzte Glied in der Kette. Zu ihm kommen die definitiven Manuskripte und die mehr oder weniger vollendeten Audioprojekte. Er arbeitet eng mit dem Chefproduzenten Kevin Sullivan zusammen, der bei Reveal das letzte Wort hat.

Gelegentlich kommt es vor, dass der Sound Designer früher involviert wird und so die Chance bekommt, etwas mehr Zeit zu investieren. Das war im Fall von The Smuggler der Fall. Dem Sound hört man an, dass er in einem Guss entstanden ist.

Die Realität ist aber auch bei Reveal meist anders. Jede Woche eine stündige Episode plus zusätzliche Interview-Episode heisst knochenharte Arbeit und drohende Deadlines. Da kann es schon mal vorkommen, dass sich auch Sound Designer Jim der frei zugänglichen Musik im Internet bedient. Doch dies ist dann doch der Ausnahmefall.

Komposition aus dem Stand heraus

Als ich ihm über die Schultern schaue, hat er in seinem Audioschnitt-Programm Pro Tools eine Reportage einer NPR-Reporterin geladen. Es geht um Polizeigewalt in Baltimore. Jim arbeitet am ersten von drei Teilen. Für einen Übergang von der Erzählung zu einem Quote braucht er ein paar Takte Musik. Vor meinen Augen und Ohren entfaltet sich Jim Briggs meisterhaftes Können: Mit ein paar Tastenklicks auf seinem farbig leuchtenden Elektrobeat-Panel und dem Keyboard kreiert er kurzerhand einen Sound, der so klingt, als wäre er mit echtem Kontrabass und Schlagzeug entstanden.

Das ist denn auch das einzige Flunkern, dass sich Reveals Sound Designer erlaubt. „Ich arbeite für einen topseriösen, hochwertigen Journalismus. Da ist es für mich zentral, mit dem Sound die Story zu unterstützen, aber auf keinen Fall zu manipulieren.“ Soundeffekte wie zum Beispiel zusätzliche Geräusche, die nicht aus der Reportage selbst stammen, sind für ihn auf dem Index.

Wichtige Filmerfahrungen

Wann und wie er im Podcast Musik einsetzt, ist extrem vom Inhalt und den Momenten in der Reportage abhängig. Manchmal macht er damit deutlich, dass eine neue Szene beginnt. Dann wieder braucht eine monotone Strecke etwas Untermalung. Im Klangkleid eines Podcasts kommt immer der persönliche Stil des Sound Designers zum Ausdruck. Jim Briggs sagt, seine Erfahrungen mit dem Sound Design im Dokumentarfilm liessen sich bei der Produktion von Audiodokumentationen gut nutzen. Da ist es wohl kein Zufall, dass er sich besonders inspiriert fühlt vom Sound Designer und Oscar-Preisträger Walter Murch, der im Filmgeschäft hochangesehen ist. 

Kultur der Experimente

Während sein Berufskollege des ganz in der Nähe beheimateten Podcasts Snap Judgement klar Hiphop-Wurzeln habe, könne er seinen eigenen Musikstil nicht klar verorten, sagt Jim. Mit Snap Judgement hat er sich kürzlich für ein gemeinsames Experiment zusammengetan. Aufgrund der bestehenden Daten über die amerikanisch-mexikanische Grenze (Abfolge von Zäunen, Mauern, freie Grenze) haben der Datenjournalist des CIR und Jim Briggs einen Beat kreiert. Dieser dient nun als Boden für einen Rap-Challenge, zu dem die beiden Podcasts über die sozialen Medien aufrufen.

Trotz aller Deadlines hat der Sound Designer von Reveal also noch Zeit für solche Experimente. „Das ist die Kultur hier“, sagt er und wendet sich wieder der nächsten Szene über Polizeigewalt in Baltimore zu.