Audio-Epos S-Town schlägt neues Podcastkapitel auf

Einen siebenstündigen Podcast am Stück hören: Das ist seit dieser Woche möglich. Die gemeinsame Produktionsfirma von Serial und This American Life hat ihren neuen Podcast S-Town veröffentlicht. Die Erwartung war so hoch, dass bereits der Trailer zu S-Town auf Platz 1 der iTunes-Charts landete.

Serial und This American Life haben in der Welt der journalistischen Hörgeschichten schon immer den Takt angegeben - und sie tun dies mit S-Town weiterhin. Das ist mein Fazit nach dem Hör-Marathon (den ich nur am Schluss etwas beschleunigt habe, weil ich eine Deadline von SRF 2 Kultur einhalten musste).

Mord, Rätsel und Geheimnisse – dies haben die Macher im Vorfeld versprochen. Eines der Rätsel löst sich bereits zu Beginn des Podcasts. Während amerikanische Medien darüber spekuliert haben, in welchem Ort mit S die wahre Geschichte spielt, wird jetzt klar, S-Town heisst Shit-Town. Und ist der ländliche Ort Woodstock in Alabama. Dort leben vorwiegend Weisse, deren Tatoos und rüde Sprache dem New Yorker Journalisten Brian Reed zuerst einmal ziemlich Respekt einflössen.

Manisch-depressiver Protagonist

Reeds Geschichte geht zurück ins Jahr 2013, als sich ein gewisser John B. McLemore bei ihm meldet. Es gebe viel aufzudecken in seiner Shit-Town. Ein Sohn aus wohlhabender Familie prahle damit herum, einen Mord begangen zu haben und dafür nicht belangt worden zu sein.

Brian braucht etwas Zeit, bis er sich für den Mittvierziger zu interessieren beginnt, der manisch lange e-Mails schreibt über seine depressive Sicht der Welt. Doch dann zieht es ihn rein in dessen Geschichte.

Der Journalist reist an den Ort des Geschehens, spricht mit Dutzenden Menschen, nimmt Hunderte Stunden Ton auf. Was er zusammengetragen hat, erzählt er in sieben rund einstündigen Kapiteln.

S-Town ist nicht Serial

Die Produktionsfirma Serial Productions hat nun das ganze Paket zusammen online gestellt – ein einzigartiges Vorgehen bei Podcasts (aber durchaus üblich bei Filmserie-Anbietern wie Netflix). Binge-Listening heisst das auf Englisch.

Bis jetzt kamen einzelne Episoden von Podcastserien typischerweise im Wochenrhythmus heraus – um die Spannung über lange Zeit hochzuhalten. So war es beim grossen Vorbild Serial. Doch S-Town ist nicht Serial. S-Town ist mehr Tatsachen-Roman als eine Serie über einen ungelösten Kriminalfall.

Das Werk als Ganzes zu veröffentlichen, hat für die Macher den Vorteil, zu Beginn einer neuen Episode nicht jedes Mal die Vorgeschichte erzählen zu müssen. Und das Ende der Kapitel kommt ohne die üblichen Cliffhanger aus, wo es so unerträglich spannend werden muss, dass man nach einer Woche ungeduldig die nächste Episode herunterladen will.

Hochseilakt der journalistischen Empathie

S-Town entwickelt einen Sog, der nicht von kurzlebiger Spannung lebt. Besonders deutlich macht dies die Tatsache, dass die Geschichte bereits am Ende des zweiten Kapitels kulminiert, bevor noch fünf Stunden folgen. Der Journalist Reed und mit ihm wir als Hörer werden mit einer völlig unerwarteten, schlechten Nachricht konfrontiert.

Worum es sich dabei handelt, kann hier nicht verraten werden. Sie bringen aber Erzähler Brian Reed und mich als Hörer ziemlich aus dem Konzept. Was folgt, ist literarischer Journalismus vom Feinsten, der menschliche Abgründe und Mysterien ausleuchtet und einem unter dem Kopfhörer in den Bann zieht. Brian Reeds Recherche und Erzählung ist ein Hochseilakt der professionellen Empathie – er meistert ihn, ohne in unwürdigen Voyeurismus zu verfallen. Am Schluss bleiben gezwungenermassen ein paar Fragen offen. Aber so ist halt die Realität.

Die sieben Kapitel von S-Town schreiben ein neues Kapitel in der Podcastgeschichte. Ein amerikanischer Podcast mehr, der weltweit wohl mehrere Millionen Menschen bewegen wird - nicht nur in englischsprachigen Ländern. S-Town belegt jedenfalls auch in den deutschen iTunes-Charts zurzeit den ersten Platz. Zu Recht.