Deutsche Podcast-Perle

Richtig gute Geschichten haben kein Ablaufdatum. Dies gilt auch für Podcasts. Obwohl ich momentan an der US-Westküste die Audiowelt erkunde, habe ich stets ein Ohr zum deutschsprachigen Raum gerichtet. Was ich dabei in den vergangenen fünf Wochen hörte, ist der Rede wert: Der NDR und rbb sorgen mit der gemeinsamen Podcastserie „Bilals Weg in den Terror“ für einen ersten Höhepunkt im noch jungen 2017.

In der fünfteiligen Serie nimmt der Autor Philip Meinhold die Hörer mit auf seine Recherche über das Schicksal von Bilal, geborener Florent. Als 14-Jähriger gerät der Deutsche mit kamerunischen Wurzeln in salafistische Kreise, zwei Jahre später reist er zum IS nach Syrien, wo er kurz danach stirbt. Nicht nur der Tod, auch der Weg Bilals in den Dschihad lässt viele Fragen offen, denen Philip Meinhold mit hartnäckiger Recherche und sympathischer Empathie nachgeht.

Persönlichere Ansprache

Obwohl als „Radio- und Podcastserie“ bezeichnet, ist „Bilals Weg in den Terror“ zuerst einmal als Podcast konzipiert worden, frei von althergebrachten Formalien und Erzählmustern. Verantwortliche Redaktorin ist Ulrike Toma. Sie leitet beim NDR die Abteilung mit dem schönen Namen „Radiokunst“. „Wir wollten bei dieser Serie eine direktere, persönlichere Ansprache des Publikums, mehr als bei einem klassischen Feature“, sagt sie, „und dies kombiniert mit der bestmöglichen Qualität.“ Dieser Anspruch erfüllt die Serie für mich. Und sie zeigt, welches Potenzial beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk für das neue Podcastzeitalter vorhanden ist.

Als Hörer bin ich nah am recherchierenden Autor, der seine Gedanken, Interpretationen und Fragen preisgibt und mich mitnimmt zu Freunden, zur Mutter von Bilal, zu Salafismus-Experten, zum islamistischen Prediger Pierre Vogel und vielen mehr. Kaum je habe ich ein so differenziertes Bild davon bekommen, wie Jugendliche in Salafistenkreise geraten und welche Alarmsignale in Familie und Schule wahrnehmbar sind (häufig im Nachhinein).

Organische Tongestaltung

Gut hörbar ist die Radiokunst von „Bilals Weg in den Terror“ bei der Musik und dem Sound Design: sehr organisch, den Inhalt unterstützend und technisch tadellos. Die Redaktion hat mit der Musikerin Gudrun Gut zusammengearbeitet, die laut Ulrike Toma als Grundlage das Manuskript der Serie bekam.

Das ist eine der Verbesserungen, für die der NDR im Vergleich zur Podcastserie vom letzten Jahr - „Der talentierte Mr. Vossen“ – gesorgt hat; da war die Tongestaltung noch recht wechselhaft. Ein anderer Fortschritt ist der elegantere, kürzere und für jede Episode neu komponierte Einstieg.

Tücken des Spannungsbogens

Es ist höchst anspruchsvoll, aus einer überaus aufwendigen Recherche eine fünfteilige Geschichte zu erzählen, die einerseits übers Ganze, andererseits über jede einzelne Folge einen Spannungsbogen zieht. Dies ist meiner Meinung nach nur halbwegs gelungen.

Ein kleines Indiz: Zwar versucht der Autor gelegentlich, eine Episode mit einem Cliffhanger zu beenden, um Spannung auf die nächste Folge zu erzeugen. Das klappt für mich vor der letzten Folge, als eine bisher unbekannte Audiobotschaft auftaucht. Das klappt jedoch nicht vor der zweiten Folge, als an der Abdankung dunkle Gestalten auftauchen (die sich aber später als unspektakulär erweisen).

Die Folgen sind zwischen 26 und 29 Minuten lang. Das ist für mich nur so erklärbar, dass die Radioausstrahlung eine bestimmte Dauer (mit gewissem Spielraum) voraussetzte.

Der nicht zu unterschätzende Vorteil von Podcasts, keine fixen Längen anzustreben, ist hier möglicherweise noch nicht ganz ausgespielt worden. Es wäre interessant zu hören, wie „Bilals Weg in den Terror“ in fünf Akten erzählt würde, die zwischen 10 und 30 Minuten variieren könnten und dafür einer noch härteren Selektion der besten Töne und Quotes unterworfen wären.

Ich bin mir bewusst, wie schwierig das ist (und masse mir nicht an, es besser zu können) und ich gehe davon aus, dass sich die Macherinnen und Macher dieser Serie den Kopf zerbrochen haben, wie sie die Geschichte genau erzählen wollen.

Wie auch immer: Mir ist viel von „Bilals Weg in den Terror“ hängengeblieben. Philip Meinhold hat mich zum Nachdenken gebracht und mir neue Erkenntnisse geliefert. Das allein macht das Hören der Serie wertvoll.

Und es stimmt zuversichtlich, dass grosse Rundfunkanstalten wie der NDR nicht den Aufwand scheuen, mit qualitativ hochwertigen Podcastserien das digitale Audiozeitalter zu bereichern.