Radiostation als Podcast-Inkubator

Idealismus, soziales Arbeitsklima und Lust zur Kreativität – das ist das Erfolgsrezept des öffentlichen Radiosenders KALW in San Francisco. Der Besuch in den Baubaracken, wo die Redaktion zurzeit einquartiert ist, macht sofort klar: Hier ist eine Radiofamilie zuhause, die nicht auf hohe Löhne und gediegene Studioeinrichtung aus ist, sondern auf ein innovatives Programm.

Produzentin Julie Caine empfängt mich in den temporären Redaktionsräumen in einem abgelegenen Quartier im Süden von San Francisco. Die Studios im Flügel der angrenzenden High School werden gerade renoviert, deshalb die Übergangslösung. Die Nähe zur High School ist kein Zufall. Seit Jahrzehnten ist KALW hier zuhause. Organisatorisch ist die Radiostation dem örtlichen Schuldistrikt angebunden – ein durchaus übliches Konstrukt im Netzwerk der National Public Radios.

In San Francisco gibt es zwei NPR-Sender. Der grosse ist KQED und ist wesentlich besser ausstaffiert und hat auch einen TV-Sender. „KQED ist der Goliath und unser KALW der David“, sagt Julie Caine. „Wir verstehen uns als Talentschmiede und Inkubator.“ Zu Recht: Hier sind die Grundsteine gelegt worden für überaus erfolgreiche Podcasts wie 99% Invisible oder Snap Judgement – die beiden Hosts Roman Mars und Glynn Washington hatten beide bei KALW begonnen und sich später mit ihren Podcasts selbstständig gemacht. KALW hat ein Radioprojekt mit der Haftanstalt San Quentin gestartet, das mittlerweilen international bekannt geworden ist. Und ganz neu ist eine Frauengruppe um Julie Caine daran, den neuen Podcast „The Stoop“ in Zusammenarbeit mit NPR zu entwickeln. Das Projekt, das zum Ziel hat, auf erfrischende Art das Leben der schwarzen Amerikanerinnen zu beleuchten, ist eines von zwölf Siegerprojekten in einem Wettbewerb von NPR. Nun durchläuft es die Pilotphase mit ersten Publikumstests. Im Frühling sollte „The Stoop“ dann anrollen.

Radiofamilie KALW: Stoop-Host Leila Day, Produzentin Julie Caine und News-Chef Ben Trefny (von links).

Radiofamilie KALW: Stoop-Host Leila Day, Produzentin Julie Caine und News-Chef Ben Trefny (von links).

Eine der drei Frauen dieses Podcasts, Leila Day, sitzt gerade mit Praktikanten im Sitzungszimmer und führt sie in die Tücken der Interviewvorbereitung ein. Die Ausbildung von neuen Leuten ist ein weiterer Eckpfeiler von KALW. Auffallend ist, dass die Stagiaires nicht wie sonst üblich 20- oder 25-jährig alt sind. Es gibt auch solche, die um die vierzig sind. „Wichtig ist uns vor allem, dass wir Leute aus möglichst vielen sozialen Gruppen ausbilden“, sagt dazu Julie Caine.

Die wenigen ruhigen Räume in der KALW-Redaktion sind begehrte Rückzugsorte. Tontechniker Chris Hoff muss schon wieder zwei Redaktoren, die etwas besprechen wollen, aus seinem Studio komplimentieren. Der Sounddesigner gestaltet nicht nur das tägliche Newsformat „Crosscurrents“ und den entstehenden Podcast „The Stoop“. In seiner Freizeit macht er mit einem Freund von KQED einen eigenen Podcast, den ultrakurzen, das heisst meist nur 90-sekündigen „The World According to Sound“. In der Kürze liegt hier die Würze. Was mich daran erinnert, hier einen Punkt zu setzen. Ich werde später in diesem Blog noch ausführlicher auf einzelne KALW-Produktionen zu sprechen kommen.