Auf dem Olymp der Audio-Grössen

Die Third Coast Conference in Chicago ist jedes Jahr ein Stelldichein all jener, die in den USA zur Elite im Radio- und Audiojournalismus gehören. Grund genug, wenigstens einmal dabei zu sein, wenn die Leute von „Radiolab“, „This American Life“, „S-Town“ und Co aus dem Nähkästchen plaudern. Vom 9. bis 11. November haben sie das getan.

Journalistische Podcasts haben in den USA Hochkonjunktur – der Ansturm auf die Third Coast Conference ist Ausdruck davon. Noch nie sind so viele Leute nach Chicago gepilgert wie dieses Jahr – bei 800 mussten die Organisatorinnen einen Strich ziehen.

Wenn so viele Frauen und Männer zusammenkommen, die alle dieselbe Leidenschaft für Audiostorys teilen, kommt leicht Begeisterung und Optimismus auf. Und das Gefühl, man zieht am gleichen Strick. Kompetitive Abgrenzung liegt hier fern.

Die amerikanische Familie der Audio-Storyteller ist tatsächlich auffällig kooperativ. Das hört man ja schon in den Podcasts, wo oft die Geschichten von Kolleginnen und Kollegen empfohlen werden. Dieser Geist ist auch am Treffen in Chicago zu spüren. Wenn Grössen wie Jad Abumrad oder Ira Glass auftreten, betonen sie alle, wie viel Respekt sie vor anderen Audio-Erzählern oder Podcasts haben. Und dies ist nicht einfach Koketterie.

Jad und Ira bildeten mit ihren umwerfenden Talks die Klammer der Konferenz. In den Sessions dazwischen haben vor allem die Leute von „The Daily“ magnetisiert. Drei Highlights, von denen ich hier etwas mehr erzählen will.

Jad Abumrad: Wunder und Hoffnung

Der Mitgründer von „Radiolab“ schaltete letztes Jahr eine Schaffenspause ein. Andere würden wohl von Burnout sprechen. „Ich war sehr, sehr müde“, erzählt er. Sein erstes Baby, eben "Radiolab", war 15 Jahre alt geworden, zwei leibhaftige Babys waren in seiner Familie dazu gekommen und mit dem neuen Podcast „More Perfect“ war da auch noch ein viertes Baby. „Ich fragte mich: Was ist der Sinn des Ganzen?“

Jad entschied sich für den Rückzug, zuerst einmal „an meinen Ort des Glücks, mein Studio.“ Drei Wochen lang habe er nur mit einem Synthesizer herumgespielt. Und dann sei der Moment gekommen, seine kleine Welt in Manhattan etwas auszuweiten. Das Leben habe sich für ihn bisher nur im Umkreis eines einzigen Häuserblocks abgespielt. Dann habe er eines Tages eine Abzweigung genommen und sei sogleich in eine für ihn völlig fremde Welt eingetaucht. Er vergass sich in einem Shop, der Material und Werkzeuge für Bildhauer und Künstler verkauft, trat wieder auf die Strasse hinaus, sah die Sonne und dachte: „That’s a fucking miracle!“ Jad entdeckte für sich die Überraschung neu. „Die Überraschung ist der erste Schritt zur Dankbarkeit. Ich wurde mir bewusst, warum wir bei „Radiolab“ so hart arbeiten: Weil wir den Menschen die Wunder bewusst machen.“

Für Jad ist es unabdingbar, sich auch als Macher von Audiostorys vom eigenen sich Wundern leiten zu lassen. „Zu oft bieten uns Freie Storys an, von denen sie zwar überzeugt sind, dass sie attraktiv fürs Publikum sind, ohne aber selber sich dafür wirklich zu interessieren.“ In seinem Redaktionsteam stelle er hin und wieder die „extrem hilfreiche, aber nicht besonders beliebte“ Frage: „Wie fühlt es sich an, wenn man interessiert ist?“

Die Wahl von Präsident Donald Trump und die Hochkonjunktur von Fake News geht an den besten Audio-Erzählern nicht spurlos vorbei. Sie alle hinterfragen sich und ihr Tun – das war eines der Leitmotive an der Third Coast Conference. Für Jad Abumrad stellte sich die existenzielle Frage: „Macht es Sinn so hart zu arbeiten, um die Wahrheit zu finden, wenn diese in unserer Kultur gar nicht mehr gefragt ist?“ Ja, sei er zum Schluss gekommen. Die Reise zur Wahrheit, auf die er sich in seinen Audiostorys begeht, könne helfen, den Menschen die Augen und Ohren öffnen. „Darum habe ich nach meiner Pause die Arbeit wieder aufgenommen.“ Geleitet von „a crazy irrational hope.“

"The Daily": Höllenritt und Begeisterung

Die Trumpwahl ist auch am Audioteam der „New York Times“ nicht spurlos vorbeigegangen. Mit dem täglichen Podcast „The Daily“ hat das Team unter der Leitung von Lisa Tobin seit Februar dieses Jahres ein neues Kapitel im News-Podcasting aufgeschlagen. Es animiert weltweit Redaktionen dazu, Ähnliches zu versuchen (bislang ist „The Daily“ unerreicht“).

Dabei war eigentlich, wie Lisa Tobin in Chicago erzählt, alles anders geplant gewesen. Sie hätten einen Podcast konzipiert, der vor allem aus nicht tagesaktuellen Hintergrundgeschichten bestanden hätte. „Aber mit der Wahl von Präsident Trump machte das keinen Sinn mehr. Nun war klar, dass wir News einordnen mussten.“

Aber wie das machen in einem Medienhaus, in dem zwar 1300 hervorragende Journalistinnen und Journalisten arbeiten, aber niemand (ausser dem Podcast-Team) Audio-Erfahrung hat? Lisa Tobin hatte erwartet, dass ihre Mission für "The Daily" harzig werden würde, „dass niemand Zeit für uns haben würde“. Doch es kam völlig anders. „Das war meine grösste Überraschung.“

Warum es so gut funktioniert hat, hat für Tobin zwei Hauptgründe. Erstens die Wahl des begnadeten Hosts Michael Barbaro, der bereits 10 Jahre bei der NYT gearbeitet und in der Redaktion ein gutes Standing hatte. „Ohne seinen direkten Zugang zu den Leuten wäre es nicht gegangen.“ Der zweite Grund des Erfolgs: „Der Payoff für die Reporter stellte sich sogleich ein. Sie bekommen Feedbacks, die sie bisher nie erhalten haben. Sie werden gelegentlich zu richtigen Internetstars!“, sagt Lisa Tobin. Die gesamte NYT-Redaktion sei begeistert vom Audioformat.

Der Erfolg hat seinen Preis. Damit ein Zeitungsreporter seine Geschichte für den Podcast wirklich so spannend erzählt, wie es die Audioprofis wollen, „sind schon mal zehn Anläufe nötig“, sagt Host Michael Barbaro.

Und das Audioteam macht jeden Tag von neuem einen Höllenritt. Der Tag beginnt mit oft über 2-stündigen Meetings. Da stünden Fragen im Zentrum wie „Was verstehe ich an den heutigen News nicht? Was müssen wir wissen, damit wir sie besser verstehen?“ Dies macht deutlich: Für „The Daily“ reicht es nie und nimmer, einfach die News zu erzählen.

Interviews für den Podcast – mit Internen oder Externen – werden aufwändig vorbereitet, „meist diskutieren wir 90 Minuten lang die Dramaturgie und die Fragen eines Interviews“, sagt Michael Barbaro. Die Interviews selber sind in der Rohfassung häufig zwischen 90 Minuten und 2 Stunden lang. Der Produktionsdruck macht es nötig, dass das mittlerweile 9-köpfige Team sich gegenseitig effizient in die Hände arbeitet. Dazu gehört, innert kürzester Zeit die besten Audio-Clips aus Archiven und dem Internet zusammenzusuchen.

„Wir machen eine tägliche Audiodokumentation – das ist immense Arbeit“, sagt Teamleiterin Lisa Tobin. Sie bezeichnet die Arbeit für „The Daily“ als „sehr befriedigend“. „Ich habe noch nie ein Team erlebt, das so gut zusammengearbeitet hat.“

Auf meine Frage an Michael Barbaro, wann er eigentlich mal dazu komme, sich von der Arbeit zu erholen, atmet er erst mal tief ein. „Das ist tatsächlich ein Problem. Seit wir im Februar begonnen haben, habe ich zehn Pfund verloren.“

Erholsamer wird es bei „The Daily“ nicht werden. Momentan ist eine zusätzliche Ausgabe am Wochenende in Planung, noch etwas hintergründiger als jene Ausgaben an den Werktagen soll sie werden. Ob die Wochenend-Ausgabe am Samstag oder Sonntag erscheinen wird, ist noch offen. Das Audioteam muss entscheiden, was es wann noch zusätzlich stemmen kann. Klar ist indes, dass ihm das Interesse des Publikums sicher ist.

Ira Glass: Lustig beginnen, traurig enden

Publikumsmagnet an der Third Coast Conference ist selbstverständlich Ira Glass, der sich mit „This American Life“ und als meisterlicher Erzähler schon zu Lebzeiten ein Denkmal gesetzt hat (dabei ist er noch nicht einmal 60 Jahre alt). Sein Auftritt zum Finale der Konferenz ist fulminant, seine Grundprinzipien des Storytelling setzt er auf der Bühne gleich selber um. Er präsentiert sieben Erkenntnisse aus seiner bisherigen Schaffensperiode und untermalt sie mit animierten Videos und Audioclips. Er reiht Anekdote an Anekdote. Etliche Einsichten und Ratschläge hat er auch schon früher formuliert – auch ein Ira Glass erfindet sich nicht immer neu. Und doch bleibt vieles bemerkenswert:

1.     How to tell a story

Ira Glass bezieht sich auf die Arbeitsweise bei „The Daily“ und propagiert ebenfalls, vor jedem Interview eine Vorstellung der Story zu haben. Nur so stelle man die richtigen Fragen.

Die richtigen Fragen stellt Ira Glass auch an uns Journalisten. Es gebe viele Storys, die niemand mehr hören wolle. Zum Beispiel über Klimawandel oder Flüchtlinge. Wie bringen wir die Leute trotzdem dazu, sich das anzuhören? Zum Beispiel mit einem Einstieg oder Ton, den niemand erwartet und alle reinzieht. Iras illustriert es so: Als „This American Life“ über ein griechisches Flüchtlingscamp berichtete, seien die Macher mit dem eingestiegen, was die Flüchtlinge dort aktuell am meisten beschäftigte: nicht Kriegs- oder Fluchterfahrungen, sondern Wildschweine, die das Camp unsicher machten und denen die Flüchtlinge Fallen stellten.

2.     How to interview kids

Kinder sind Iras liebste Interviewpartner. „Sie sagen einfach, was sie denken.“ Sein Rezept: Mit ihnen wie ein Erwachsener sprechen. Er illustriert das mit umwerfenden Videoausschnitten aus einer seiner TV-Produktionen.

3.     It is normal to be bad before you are good

In seinen Anfangszeiten sei er miserabel gewesen beim Schreiben, beim Aufspüren von Storys, beim Interviewen, beim Sprechen (Ira belegt das mit amüsanten Ausschnitten aus einem dreissigjährigen Beitrag). Nach und nach habe er erst gelernt, auf was es ankomme: Nach einem Interview die guten Stellen gleich aufschreiben, ebenso nach einem Recherchetag alles Wichtige notieren. Mit einer Struktur im Kopf beginnen. In den Aufnahmen selber vorkommen, denn nur Interaktion gebe die besten Antworten und Gespräche. Und: Er möchte immer etwas in der Geschichte, was ihn amüsiert.

4.     Amuse yourself

Das Leben berge auch in den düstersten Momenten Heiterkeit. Deshalb gehört Humor immer dazu, auch in ernsten Situationen und Geschichten.

5.     Failure is success

Eine Story ist für Ira Glass wie ein Forschungsexperiment. Scheitern gehört dazu. Das sei nie ein Problem. „This American Life“ trägt diesem Umstand Rechnung, indem ein gutes Drittel der Storys – manchmal ganz kurz vor Schluss – gekillt wird. Da die Show keinen Newsanlass für die Geschichten kenne, sei die Latte sehr hoch.

6.     What I learned from musicals

Ira Glass erzählt von seiner Prägung durch Musicals. Namentlich „The Fiddler on the Roof“ habe es ihm angetan. Als Kind habe er es sich unzählige Male angeschaut. Kürzlich habe er es wieder gesehen und ununterbrochen geheult. Plötzlich habe er erkannt, dass in diesem Musical die Dramaturgie liege, die all seine Storys ausmache: Es beginnt heiter im Kleinen, wird dann grösser und endet sehr traurig. „Ich mache jede Woche bei "This American Life" „Fiddler on the Roof“.“

7.     It’s war

Ira Glass wird dann am Schluss tatsächlich traurig. Wieder ist die politische Situation in den USA der Grund. „Mich alarmiert, wie viele aus der Luft gegriffene Meinungen es gibt. Der Präsident wird eines Tages nicht mehr im Amt sein, aber dieses Ökoystem von Falschinformation wird überleben.“ Eigentlich seien die auf Fakten basierten Medien in einem Kriegszustand. Wie reagieren? „Ich weiss es nicht. Ich weiss es einfach nicht“, sagt Ira Glass. Selbst ein Meister seines Fachs kann an den Problemen der Welt scheitern.