Printverlage entdecken Podcasts

Zwischen der englisch- und der deutschsprachigen Printmedien-Welt tut sich ein Podcast-Graben auf. Diesen Eindruck bekomme ich, wenn ich einerseits sehe, was auf der anderen Seite des Atlantiks so alles läuft und andererseits auf Schulterzucken stosse, wenn ich herausfinden möchte, was deutschsprachige Zeitungsverlage in Sachen Podcasts unternehmen. Wer weiss von Podcastprojekten bei Medienhäusern in Deutschland, Österreich oder der Schweiz? Sachdienliche Hinweise nehme ich sehr gerne entgegen! Auch über allfällige Gründe, auf Podcasts zu verzichten (zum Beispiel finanzielle).

Im englischsprachigen Raum gehören Podcasts jedenfalls mehr und mehr zum Portfolio eines Printmedienhauses. Zwei aus meiner Sicht sehr gelungene Beispiele, die ich kürzlich für mich entdeckt habe:

  • „The Story“ vom britischen „Guardian“, realisiert durch Rebecca Lloyd-Evans, die kürzlich in einer berührenden Episode ihre Grossmutter auf die letzte Reise in deren Geburtsstadt Frankfurt begleitet hat.
  • "The Esquire Classic Podcast", der das riesige Archiv des traditionsreichen US-Männermagazins „Esquire“ hörbar macht. In der jüngsten Episode „The Falling Man“ spricht Host David Brancaccio mit dem Journalisten, der 2003 eine Reportage über jenen Mann geschrieben hatte, der am 11. September 2001 vom World Trade Center in den Tod gesprungen ist – das Foto vom Moment seines Sturzes war eine der Bild-Ikonen dieses traumatischen Tages.

Auch bei den ganz Grossen des US-Mediengeschäfts bewegt sich etwas in Richtung Podcasts. Nachdem die „Washington Post“ dieses Jahr mit dem historischen Podcast „Presidential“ begonnen hat (in 44 Episoden leben darin alle bisherigen US-Präsidenten nochmals auf), stossen nun dort noch mehr Podcasts dazu.

Im Gegensatz zur “New York Times”, in der laut dem Podcast-Blogger Nicholas Quah mindestens sechs Vollzeitangestellte das Podcast-Team bilden, arbeitet die “Washington Post” mit nur einer eigentlichen Audioproduzentin. Nicholas Quah hat mit der verantwortlichen Redaktorin Jessica Stahl gesprochen. Sie begründet den Schritt der “Post” hin zu Podcast so: “Der erste Faktor ist das Interesse an dieser Art von Storytelling. Wir haben Leute in unserem Newsroom, die selber Podcasts hören und die Erfahrung mit diesem Medium lieben. Und unter ihnen gibt es einige, die sich selber zutrauten, so etwas zu machen.“ Der zweite Grund sei der Erfolg von „Presidential“ gewesen, der innerhalb von zwei Monaten bereits über eine Million Downloads gebracht habe. „Das zeigt, es gibt ein bedeutendes Publikum, wenn man es richtig macht.“

Wie denn die „Washington Post“ den Erfolg mit den Podcasts messe, will Blogger Nicholas Quah wissen. Jessica Stahl räumt ein, dass hier noch nicht die grossen Zahlen zählen. Das Audioteam gehe momentan sehr intuitiv vor. Das Ziel sei es, schnell reagieren zu können und auch mal wieder ein Projekt fallen zu lassen. „Manchmal sagen grosse Zahlen aus, dass etwas funktioniert, und manchmal weiss man, es hat funktioniert, weil es wirklich etwas verändert hat.“ Das sei vergleichbar mit dem Erfolg einer grossen Reportage in der Zeitung.

Das klingt ganz nach dem häufig erwähnten amerikanischen Mut zum Risiko. Doch es wird sicherlich nicht lange gehen und dann wird auch in der „Washington Post“ abgerechnet. Ich bleibe dran.

Sonstige Trouvaillen

„Remarkable Lives. Tragic Deaths”, ein aufwändig gestalteter Podcast über das Leben und Sterben so unterschiedlicher Persönlichkeiten wie Kurt Cobain, Mahatma Ghandi, James Dean oder Napolean Bonaparte. Produziert von Parcast, einem Vater-und-Sohn-Unternehmen aus Los Angeles, USA.

“Science Vs” ist ein Wissenschaftspodcast der Australierin Wendy Zukerman. Die Episode „The G-spot“ geht dem Mythos des G-Punktes nach, hemmungslos direkt, wissenschaftlich fundiert und historisch aufschlussreich. Aufklärung und Factchecking vom Feinsten. In anderen Episoden geht es um Bio-Food, Fracking oder die gesetzliche Kontrolle von Waffenbesitz.

Zukunftsmusik

TED plant einen neuen Podcast. Die TED-Organisation ist die weltgrösste Ideenfabrik. 1984 als Innovationskonferenz in Kalifornien entstanden, verbreitet TED heute Ideen in über 100 Sprachen, vorgetragen von Menschen mit vielfältigstem Hintergrund (nicht mehr nur aus Technologie, Entertainment und Design, was TED ursprünglich den Namen gab). Formales Kennzeichen der TED-Talks: Sie sind nie länger als 18 Minuten. Die Talks sind vor allem auf Youtube ein Renner. Doch auch als Podcast in Koproduktion mit National Public Radio NPR gibt es sie, unter dem Titel TED Radio Hour (hörenswert z.B. die Ausgabe über die Kunst des Hörens).

Nun arbeitet TED an einem neuen Podcast. Es wird schnell klar, warum die Ideenverbreiter hier auf Audio und nicht auf Video setzen: Der neue Podcast heisst „Sincerely, X“ und soll all jenen eine Stimme geben, die nicht auf eine Bühne wollen, weil sie anonym bleiben müssen. Das könne laut einem beteiligten Produzenten eine Mutter sein, deren Mann sich als homosexuell geoutet hat, oder ein Arzt, der über einen schweren Fehler erzählt. „Sincerely, X“ soll Ende 2016 unter dem Label des Audio-Unternehmens und Amazon-Tochter Audible erscheinen. (Quelle: www.fastcoexist.com)

Tipps und Kommentare erwünscht

Wer kann mir sonst einen Podcast empfehlen? Ich suche vor allem auch gute Beispiele aus dem deutschsprachigen Raum und aus dem sonstigen Europa. Wer weiss mehr über den Podcastmarkt? Wer über technische Finessen des Podcastings?

Ich freue mich über eure Hinweise!