Öffentlich-rechtliche Podcast-Serie

„Radio at its best“, „das deutsche Serial“: Berufskollegen halten mit Lob für die siebenteilige Podcast-Serie „Der talentierte Mr. Vossen“ nicht zurück. Der Reporter Christoph Heinzle von NDR Info zeichnet darin den dubiosen Werdegang eines deutschen Textilunternehmer-Sprösslings nach. Dessen Charme leerte etlichen wohlhabenden Londonern das Portemonnaie. Seit dem Frühjahr sitzt er in der Schweiz in Untersuchungshaft, wegen mutmasslichen Millionenbetrugs. Der Aufstieg und Fall des zugleich schillernden wie unfassbaren Felix Vossen war im letzten Jahr von der Schweizer Sonntagszeitung aufgegriffen worden und ist dem NDR nun – nach Vossens Verhaftung – eine Hörserie wert.

Die sieben rund 20-minütigen Episoden habe ich mir am letzten Wochenende angehört und mich dabei nie gelangweilt. Ausschliesslich begeistert wie meine Berufskollegen bin ich trotzdem nicht. Aber zuerst mal das aus meiner Sicht Positive, und da gibt es viel Gewichtiges:

  • Eine öffentlich-rechtliche, deutschsprachige Rundfunkanstalt ermöglicht einem erfahrenen Reporter eine aufwändige Podcast-Serie zu recherchieren und zu realisieren. Super!
  • Reporter Christoph Heinzle schafft es, einen Mann zu porträtieren, mit dem er nie sprechen konnte. Auch rundherum trifft Heinzle auf eine Mauer des Schweigens. Und dennoch lässt sich der Reporter nicht von seinem Pfad abbringen. Und macht damit deutlich: Die Auskunft zu verweigern schützt nicht vor einem journalistischen Porträt.
  • Er reist an alle Schauplätze, sucht hartnäckig nach Leuten aus dem weiterem Umfeld, die etwas wissen und dies auch (in technisch hoher Qualität) sagen. Er beschreibt Orte und Menschen so, dass sich im Kopf des Hörers ein Bild ergibt.
  • Die Dramaturgie der Serie ist nachvollziehbar: Sie beginnt mit der Flucht und zeichnet dann wichtige Stationen aus Vossens Leben nach. Quasi krönender Abschluss ist die Verhaftung in Spanien und die Auslieferung in die Schweiz.

Und was habe ich dennoch zu mäkeln?

Für meinen Geschmack hört man der Podcast-Serie noch etwas stark die Feature-Tradition des öffentlich-rechtlichen Radios an:

  • Der Erzählton ist recht schriftlich: Der Autor liest sein durchdachtes und wohl formuliertes Manuskript, verständlich und angenehm – aber eben so, wie man es sich vom althergebrachten Radio gewohnt ist. Dabei würde sich die Geschichte sehr gut für das freiere, dialogischere Erzählen eignen, das man von den Top-Podcasts aus den USA kennt, wie z.B. von „This American Life“. Ich sage dies so leichtfertig, wohlwissend, wie enorm schwierig es ist, diesen Stil ins deutschsprachige Audio zu bringen. Aber wenn ich den NDR-Reporter in einzelnen Sequenzen seiner Serie in Recherchesituationen höre, dann tönt er für mich genau so spontan und locker, wie ich ihn hören möchte, wenn er die Geschichte erzählt.
  • Die Struktur der Geschichte (neudeutsch: das Storytelling) ist noch recht konventionell. Zwar ist sie kurzweilig, aber so richtig Spannung (wie z.B. bei "Serial") kommt selten auf. (Ich gebe zu, dass ich das Rezept für den idealen Spannungsbogen dieser Story so schnell mal auch nicht vorlegen könnte.)
  • Der minütige Vorspann macht in der Start-Episode noch Sinn (und tönt dort wirklich gut), wird aber in den nachfolgenden Episoden ein Ärgernis, was mich dazu führt, jeweils ungeduldig die Stelle nach knapp 60 Sekunden anzupeilen, wo es dann richtig los geht. Auch den Abspann mit der weiblichen Off-Stimme tönt mir zu steif. Da würde ich lieber den Autoren hören, wie er selber die Beteiligten erwähnt.
  • Ohne die genauen Produktionsbedingungen beim NDR zu kennen, scheint es mir, dass noch nicht ganz in letzter Konsequenz auf die Podcastform gesetzt wird. Es muss dann doch noch ein einstündiges Radiofeature sein (am 2. Oktober um 11.05 Uhr) und die Serie kommt (in der jetzt laufenden Woche) zusätzlich als Radio-Serie daher. Das hängt wohl immer auch mit dem Auftrag zusammen, den solche öffentlich-rechtlichen Stationen zu erfüllen haben.

Trotz der einzelnen Kritikpunkte ist meine Freude über eine solche deutschsprachige, journalistisch ausgezeichnete Podcastserie gross. Fällt euer eigenes Urteil und hört euch den „talentierten Mr. Vossen“ selber an!