Im Publikum an der US-Westküste

Nun bin ich also im gelobten Land der Podcasts, habe mich installiert in einem Riesengrossraumbüro (als Resident bei swissnex San Francisco) und versuche, mit hiesigen Audiomeisterinnen und –meistern in Kontakt zu kommen.

Mir kommt entgegen, dass die Podcaster hier selber den Schritt hin zum Publikum wagen. So tourt der wirblige Glynn Washington, Host des in Oakland produzierten Podcasts „Snap Judgement“ mit einer Liveshow durchs Land. Im historischen Nourse Theatre von San Francisco applaudieren die rund 1500 Zuschauerinnen und Zuschauer frenetisch, wenn der Podcast-Host die Bühne betritt. Das hat mir eindrucksvoll gezeigt, wie viel Personalisierung, Emotion und Publikumsnähe hier dazugehört.

Glynn Washington macht dann nichts anderes, als er am Mikrofon im Studio immer tut: Er erzählt eine wahre (und oft wohl etwas zugespitzte) Geschichte mit Höhen und Tiefen, mit Momenten der Überraschung, Tragik und Komik. Und nach ihm kommen weitere begnadete Storyteller auf die Bühne und erzählen von selbst erlebtem Kindsmissbrauch, von einem Vater, der als Anwalt seine Tochter im Teenageralter mit in den Todestrakt nimmt und sie einem verurteilten Mädchenmörder vorstellt oder von einer übergewichtigen Lesbe, die einen geschenkten Tandemfallschirmsprung nur widerwillig mitmacht und wortwörtlich verkackt. Die Show eignet sich nicht für empfindsame Hörer und Kinder, davor warnen auch die Organisatoren.

Untermalt werden all die Geschichten vom Sound der fabelhaften Bells Atlas, einer jungen Soul-Band aus Oakland, die den auf der Bühne dargebrachten Stories ein veritables, individuelles Sounddesign verpassen. Grossartig. Und schön, dass Snap Jugdement quasi als Weihnachtsgeschenk eine Episode nur mit der Musik dieser Band herausgegeben hat.

Happy Hour mit den Ernsten

Seit fast 40 Jahren gibt es das Centre for Investigative Reporting in Emeryville, dem mit Berkeley und Oakland verschmolzenen Ort gegenüber von San Francisco. Seit zwei Jahren gibt es den Podcast Reveal mit Geschichten aus diesem investigativen Brüter.

Auch die journalistisch Ernsten der Podcast-Branche suchen die Nähe zum Publikum. Ganz neu haben sie begonnen, an niederschwelligen Anlässen ihr Team vorzustellen und Reveal-Hörerinnen und –Hörer kennenzulernen – immer auch auf der Suche nach finanzieller Unterstützung. Selbst wenn man zu den Angesehenen in der journalistischen Podcast-Szene gehört, hört das Fundraising nie auf – das ist in der hochkompetitiven Podcastlandschaft der USA unübersehbar.

Per Zufall habe ich von der allerersten Happy Hour von Reveal erfahren und geselle mich zum bunt gemischten Volk im Hinterhof einer lokalen Brauerei. Der famose Reveal-Host Al Letson freut sich sichtlich über das Interesse eines Schweizer Radiojournalisten an seinem Podcast und lädt mich ins Reveal-Studio ein. Wenn dieser Besuch im neuen Jahr tatsächlich klappt, werde ich hier sicher darüber berichten.

This Wachter und der Reveal-Host Al Letson.

This Wachter und der Reveal-Host Al Letson.

Reveal hat ein überaus erfolgreiches Jahr hinter sich, was das Publikumsinteresse betrifft. Im November ist das Monatsziel von 600‘000 Downloads pro Monat ums Doppelte übertroffen worden (mit 1,2 Millionen Downloads). Rund um die Präsidentschaftswahlen hat Reveal die stillen Trumpwähler ausfindig gemacht und Host Al Letson hat mit seinem Interview mit dem Nationalisten Richard Spencer für Aufsehen gesorgt (mehr dazu in meinem letzten Blogpost).

Reveal kooperiert mit PRX, der Non-Profit-Vertriebsorganisation für Audioinhalte fürs amerikanische Public Radio. Diese Woche hat PRX-Chef Kerri Hoffman dem Podcast-Blogger Nick Quah die Crux eines investigativen Podcasts beschrieben: „Die Podcast-Landschaft ist gedeckt mit leichter Kost. Wir haben uns die Köpfe gekratzt, um Reveal richtig zu positionieren. Im Umfeld des Public Radio, wo oft Brokkoli serviert wird, ist er stark. Doch wie ermuntert man Leute an einer Eiscreme-Party dazu, Gemüse zu essen?“ Die amerikanische Art, in Bildern zu sprechen.

Die Studioleiterin des Centre for Investigative Reporting, Christa Scharfenberg, nimmt im Blog von Nick Quah das kulinarische Sprachbild auf: „Wir machen Reveal so eiscremig wie möglich – mit Al Letson als Host, mit ausgeprägtem Sinn für Charaktere und Schauplätze, mit Humor und Ironie, dort wo es angebracht ist, mit eigenständiger Musik und reichhaltigem Sounddesign und indem wir über mögliche Lösungen der aufgedeckten Probleme sprechen.“ Ein überzeugendes Rezept für gehaltvolle journalistische Podcasts – und das in einem einzigen Satz!