Die Rheinische Post zeigt Pioniergeist

Deutschsprachige Zeitungsverlage, die auch Podcasts in ihrem Sortiment führen, sind noch rar. Deshalb fällt auf, wer hier Neues wagt. Seit Ende Oktober setzt in Deutschland die Rheinische Post auf Podcasts.

Die regionale Tageszeitung mit Sitz in Düsseldorf und einer Auflage von 290‘000 Exemplaren wird flankiert vom Onlineportal RP Online. Verantwortlich für die neuen Podcasts ist Daniel Fiene, ein erfahrener Radiojournalist und Podcaster, der u.a. das Audiomagazin „Was mit Medien“ bei DRadioWissen moderiert. Bei RP Online trägt Fiene den schönen Titel „Leiter Audience Engagement“.

Im bis jetzt vierteiligen Podcast-Sortiment der Rheinischen Post stechen für mich vor allem zwei Podcasts heraus: Der „Rheinische Post Aufwacher“ und „@Fiene und Herr Bröcker“.

Morgens tönt es noch sehr nach Radio

Mit dem „Aufwacher“ will die Rheinische Post laut Pressemeldung jene Leser erreichen, „denen die Zeit am Frühstückstisch mal wieder davongelaufen ist und jene, denen Sicherheit auf der Fahrt ins Büro wichtiger ist als der Blick aufs Smartphone“. Der „Aufwacher“ ist ein rund zehnminütiges Nachrichtenmagazin mit den wichtigsten Themen des Tages, in der RP-Sprache „ein akustischer Nachrichtenüberblick“. Um 7 Uhr liegt er zum Download bereit.

Formal und inhaltlich unterscheidet sich der „Aufwacher“ kaum von einem Nachrichtenmagazin einer Radiostation. Der Moderator hat einen hohen Redeanteil, Auflockerung bringt zwischendurch ein Gespräch mit einem Korrespondenten, zum Beispiel über die auffallende Ruhe in Los Angeles eine Woche vor der alles entscheidenden US-Präsidentschaftswahl.

Der „Aufwacher“ mag im Düsseldorfer Medienangebot eine Lücke schliessen für jene, die beim morgendlichen Pendeln in 10 Minuten über das Wichtigste informiert werden möchten. Doch so richtig neu tönt dieser Podcast für mich nicht (vielleicht ist das aber bereits schon Ausdruck meiner Déformation professionnelle, nach mehreren Jahren als Produzent eines Newsradios). Auch Daniel Fiene ist noch nicht ganz zufrieden und räumt mir gegenüber ein: „An dieser Schraube wollen wir noch drehen.“ Er experimentiert zum Beispiel damit, die Aufzeichnung live auf Facebook zu übertragen.

Authentischer Chefredakteur

Erfrischend keck und informativ finde ich hingegen „@Fiene und Herr Bröcker“. Hier unterhalten sich Daniel Fiene und der Chefredakteur der Rheinischen Post, Michael Bröcker, am Freitag über die Highlights der vergangenen und der kommenden Woche und gewähren Einblick hinter die Kulissen der Redaktionsarbeit.

Für mich ist vor allem letzteres ein Mehrwert – ich bin überzeugt, dass das Publikum sehr daran interessiert ist zu erfahren, wie eine Geschichte oder ein Interview entsteht. Wenn Michael Bröcker aus seiner Warte erzählt, wie er die Begegnung mit dem grünen Abgeordneten Anton Hofreiter erlebt hat und dann noch eine Sequenz seiner Interviewaufnahmen abspielt, dann ergänzt dies perfekt das Lesen des Interviews in der Zeitung.

„@Fiene und Herr Bröcker“ ermöglicht der „Rheinischen Post“ auch, Perlen oder Aufreger aus der Zeitung zu beleuchten (und so auch zusätzlich zu promoten). Beispiel aus der ersten Sendung: Die Hintergründe zum Interview mit einem Einbrecher, das offenbar bei Lesern und anderen Medien für ziemlich grosses Aufsehen gesorgt hat. Im Gespräch mit dem Chef erzählt der Redaktionskollege, wie es zu diesem Interview gekommen ist und zeigt, dass es manchmal Sinn macht, eine Idee weiterzuverfolgen, über die in der Redaktionskonferenz anfänglich alle nur lachen.

Was „@Fiene und Herr Bröcker“ besonders attraktiv macht, ist die aufgeräumte Stimmung des Talks. Da wird sofort hörbar: Die zwei verstehen sich sehr gut, sprechen dieselbe Sprache, teilen Humor und Ironie, sind schlagfertig – mit dem Ergebnis, dass da ein Chefredakteur sehr authentisch und kollegial rüberkommt. Das bringt Nähe zum Hörer und damit auch zum Leser.

Ein solcher Podcast wäre nicht mit jedem Chefredakteur möglich. Der erst 39-jährige Michael Bröcker bringt hörbar jene Offenheit mit, die es für einen solchen Auftritt braucht. Der Blick in seine beruflichen Stationen zeigt, dass er beruflich teilweise in den USA sozialisiert worden ist.

Die Rheinische Post auf die Podcast-Schiene zu schieben sei zuerst einmal Bröckers Anliegen gewesen, sagt Daniel Fiene. „Ich hatte als Podcaster der ersten Stunde vielleicht zu sehr mit dem Thema abgeschlossen, aber als Michael es wollte, habe ich mich dann an die Konzepte gesetzt und bin von Tag zu Tag begeisterter.“

Ob sich die Podcasterei für die Rheinische Post lohnt, ist noch offen. Am ersten Wochenende gab es laut Fiene 8000 Abrufe. Nach einer Woche seien noch mal 12‘000 dazugekommen. „Das war ein toller Erfolg, denn wir hatten noch gar kein Gefühl, wie viele zu Beginn bei einer Nachrichtenseite Podcasting nutzen.“ Noch wichtiger sei, dass die Rheinische Post davon ausgehe, damit neue Nutzer zu erreichen. „Was aber vor allem toll ist: Wir können jetzt erst mal viel ausprobieren.“

Podcast-Ausbau trotz Newsroom-Sparen?

Experimentieren und beobachten - damit ist die deutsche Regionalzeitung in guter Gesellschaft. Denn auch der Blick in die USA zeigt, dass selbst die ganz grossen Zeitungsverlage, die auf Podcasts setzen, noch nicht so genau wissen, was dabei herausschauen wird.

Aufschlussreich ist eine Kolumne von Liz Spayd in der New York Times. Spayd ist als Public Editor Bindeglied zwischen Leserschaft und Redaktion. Sie hat die Aufgabe, ein Auge auf die journalistische Qualität zu haben und äussert ihre Beobachtungen frank und frei im Blatt. Im kürzlich erschienenen Editorial über die inzwischen halbjährigen Podcast-Aktivitäten der NYT nimmt sie sich der Frage an: Warum soll die NYT in Podcasts investieren, wenn die Zeitungsredaktion dermassen unter Spardruck steht?

Liz Spayd referiert dann die gängige Antwort der Podcastverantwortlichen im Haus: Audio sei Teil der Zukunft, weil es Junge anlocke, die nicht typischerweise NYT-Abonnenten seien. Die Hoffnung liege darin, die Jungen mit den Gratis-Podcasts später zu zahlenden Abonnenten zu machen. Die ersten Beobachtungen seien viel versprechend. So erreiche der Podcast zur Präsidentschaftswahl, „The Run-Up“, das jüngste Publikum, das ein Times-Produkt je erreichte. Und viele Hörer blieben sogar länger am Podcast hängen als manche Leser an Artikeln. Podcasts eigneten sich als Mittel, einen dialogischeren und persönlicheren Journalismus zu betreiben. In der NYT gebe es viele Talente, die ihre Persönlichkeit in Podcasts noch besser rüberbringen könnten als durch Artikel.

Doch die Hausethikerin Liz Spayd gibt zu bedenken, dass das Publikum von Podcasts immer noch winzig sei im Vergleich zum gesamten Publikum der Times. „Wenn man Toptalente aus dem Newsroom abzieht, um ein winziges Publikum zu bedienen, muss man sich bewusst sein, dass diese Journalisten weniger von dem machen, was sie bisher getan haben.“

Alles in allem befürwortet Liz Spayd jedoch, dass die New York Times mit einem nur fünfköpfigen,  schlagkräftigen Podcast-Team in die Audio-Sphäre vorstösst. Das werde den Qualitätsjournalismus der Times beleben, auch jener der Zeitung.

Ob das Anködern von jungen Hörern künftig neue Zeitungsabonnenten bringe, sei unsicher. Und dass die Podcasts zu einer sprudelnden Einkommensquelle werden, sei unwahrscheinlich. „Manchmal aber sind die journalistischen Gründe gut genug."