Trump hält Podcaster auf Trab

Erschütterung und Trauer – dies sind die Emotionen, die die Nachwahl-Episoden der journalistischen US-Podcasts bestimmen. Und da ist die verzweifelte Suche nach Erklärungen. Sie führt zu Reportagen und Interviews aus Regionen, in denen Trump viel Sympathie geniesst. Und – wie überall in den Medien – zu Gesprächen mit Fachleuten, die das einordnen, was viele so fassungslos macht.

Einer dieser Journalisten, die schon schon lange Donald Trump kritisierten, ist Jacob Weisberg, Politjournalist und Chef des Online-Verlagshauses „The Slate Group“. Weisberg ist jener, der Trump im Wahlkampf einen eigenen Podcast gewidmet hat, „Trumpcast“. Er hat den republikanischen Kandidaten von allen Seiten beleuchtet, zum Teil mehrmals pro Woche. Und er hat versprochen, mit seinem Podcast so lange fortzufahren, bis Trump von der politischen Bildfläche verschwunden ist.

Jacob Weisberg hat nicht damit gerechnet, dass Trump Präsident werden würde. Aber er hält sein Versprechen und führt seinen Podcast unbeirrt weiter. Das hat Weisberg gleich am Morgen nach der Wahl dem Publikum in diesen Worten kundgetan:

Wie schwarz der Slate-Chef die Zukunft mit Präsident Trump sieht, illustriert die neueste Episode von „Trumpcast“: Jacob Weisberg lässt sich darin von einer putingestählten, russischen Journalistin Tipps geben, wie Journalisten mit einem Autokraten umspringen sollten.

Es werde Licht

Das amerikanische Leben geht weiter, und mit ihm der gewichtige US-Podcast „This American Life“. Das Produktionsteam um den Audio-Star Ira Glass hat in ihrer ersten Episode nach der Wahl unter dem (von Obama inspirierten) Titel „The Sun Comes Up“ einen Strauss von Reaktionen zusammengetragen. Zwei Latino-Polizisten erzählen, warum sie früher Obama und nun Trump gewählt haben. Eine muslimische Frau erklärt, warum sie sich auf New Yorks Strassen seit der Wahl mit dem Kopftuch nicht mehr sicher fühlt und nun einen Hut trägt. Und auf Immigration spezialisierte Anwälte beschreiben, wie nervös zurzeit ihre Klienten sind.

Samtweicher Extremist

In der amerikanischen Gesellschaft rumort es gut hörbar. Einen Geschmack davon gibt auch „Reveal“, der hervorragend gemachte Podcast des „Center for Investigative Reporting“. Beklemmender Höhepunkt der Episode über die verborgenen Trumpwähler ist ein Interview mit dem weissen Nationalisten Richard Spencer. „Reveal“-Host Al Letson führt dieses Gespräch am Tag nach der Wahl, veröffentlicht es gleich danach und bettet es in der folgenden Woche noch etwas ein. Al Letson macht einen grossartigen Job als Interviewer. Dem Nationalisten, der mit samtweicher Stimme extremste Meinungen vertritt (er will die USA zum Staat der europäischen Weissen machen), widerspricht Al Letson auf Schritt und Tritt, bleibt dabei aber immer nahbar und ruhig. Und er macht im Interview auch explizit, wieso er dieses Interview überhaupt führt. Unbedingt nachhören!

Dies war nur ein ganz kleiner Ausschnitt aus dem Nachwahl-Angebot der journalistischen US-Podcasts. Es gäbe unzählige weitere Beispiele, wie die Audioleute auf Stimmenfang nach dem Stimmenfang gehen.

Der BR macht einfach

Etwas quer in der Podcast-Landschaft liegt da – ein unfairer Vergleich, gebe ich zu – eine deutsche Staffel, die ebenfalls vor allem in den USA spielt. Der BR hat die Doku-Serie „Einfach machen“ am Sonntag nach der Wahl gestartet. Ein 26-jähriger Springinsfeld versucht in Hollywood ohne jegliche Erfahrung Schauspieler zu werden. An sich eine hübsche Idee, formal jugendlich-rassig gestaltet, für das Nachwuchspublikum des Jugendprogramms Puls (in Zusammenarbeit mit Bento, dem Angebot von Spiegel Online für die Jungen).

Weil die ganze Staffel vorproduziert ist, kann sie die historischen Vorgänge in den USA nicht aufnehmen. Würde sie wohl auch gar nicht, denn der Protagonist ist als erklärtes Aushängeschild der Generation Y ausreichend auf sich selbst fixiert. Immerhin, mit „Einfach machen“ wagt der Bayerische Rundfunk den Schritt hin zu einem Angebot, das in erster Linie als Podcast konzipiert ist und erst in zweiter Linie im Radio gespielt wird. Und dass der BR dies einfach mal macht, finde ich sehr lobenswert.

Wer hat Kontakte zu Podcastern an der US-Westküste?

Zum Schluss eine Notiz in eigener Sache: Sehr bald werde ich mich ein gutes halbes Jahr in San Francisco (und dem benachbarten Berkeley) inspirieren lassen und ein paar journalistische Experimente wagen. Ich bin gespannt darauf, dieses politisch umgewälzte Land selber zu erleben. Die Podcastszene werde ich weiterhin im Auge behalten und darüber in diesem Blog berichten. Vielleicht gelingt es mir gar, den Blick in eine jener Podcastproduktionsfirmen zu werfen, die an der Westküste beheimatet sind. Wer Beziehungen zu „99 Percent Invisible“, „Snap Judgement“, „Reveal“, „The Kitchen Sisters“ und anderen in der Bay Area hat: Ich bin sehr an Kontakten interessiert!