Come with me!

Was in den News kurz aufpoppt, ist dem Podcast „Embedded“ eine aufwändige Recherche wert. Der seit diesem Jahr existierende Podcast ist eine von über dreissig NPR-Produktionen, die gesamthaft in den USA rund 8,5 Millionen Hörerinnen und Hörer erreichen. Wenn die Newssender kurz über ein neues HIV-Problem im US-Staat Indiana berichten, macht sich „Embedded“ auf den Weg dorthin und ist selbst dann dabei, wenn sich die Junkies mit verunreinigten Spritzen einen Schuss setzen. Um der hohen Suizidrate in Grönland auf den Grund zu gehen, lebt eine Reporterin drei lange, dunkle Wintermonate in einem dortigen Dorf.

Host Kelly McEvers, die bei NPR auch die Radiosendung „All Things Considered“ moderiert, hat letzte Woche am MIZ Radio Innovation Day in Potsdam aus dem Nähkästchen von „Embedded“ geplaudert. (Wer mehr über Kelly McEvers' eigene Erfahrungen als Kriegsreporterin wissen möchte, dem empfehle ich ihr eindrückliches Audio-Tagebuch auf transom.org.)

Ein wichtiges Merkmal ihrer Art, Geschichten zu erzählen, sei Authentizität, sagte Kelly McEvers in Potsdam. Ganz wichtig: Die Autorin gebe den Blick frei hinter die Kulissen einer Geschichte. Als recherchierende, hinterfragende, kommentierende Person sei sie Teil der Geschichte. „Come with me!“, lautet die Einladung ans Publikum. Als Spannungsbogen eigne sich in der Regel eine Schlüsselfrage, die die Hörer gefangen nehme und die Schritt um Schritt beantwortet werde. Wie lautet die Frage, die durch die Story trägt, will Host Kelly McEvers denn auch von jenen wissen, die bei "Embedded" Geschichten unterbringen möchten.

Wer eine Geschichte anrecherchiere, müsse sich unbedingt von seinen ersten Fragen leiten lassen. Sie selber notiere sich diese jeweils, damit sie sie nicht aus den Augen verliere. „Die initiale Neugierde darf nicht verloren gehen.“

40 Stunden Aufnahme
für 30 Minuten Sendung

Authentisch erzählen zu können bedingt, in jeder Situation bei der Entstehung einer Geschichte das Mikrofon angeschaltet zu haben. „Wir nehmen immerzu auf. Für eine 30-minütige Story kommen da gut und gern 40 Stunden Aufnahmen zusammen.“

Ebenso wichtig sei es, einen völlig normalen Ton anzuschlagen. „Ich erzähle meine Geschichten so, wie wenn ich sie meinen Freunden erzählen würde.“ Ist das also das Geheimnis der so locker und natürlich klingenden amerikanischen Podcasts? Davon auszugehen, dass Hosts wie Kelly McEvers alles frei formulieren, ist allerdings falsch. Sie tue das nur teilweise. Den Start in die Sendung schreibe sie jeweils auf und wiederhole dann die Aufnahme meist unzählige Male, bis es so authentisch klingt, wie wenn sie es ihren Freunden erzählen würde.

Übrigens: Seit Juni ist keine neue „Embedded“-Episode mehr erschienen. Muss man sich um den Podcast Sorgen machen? Mir gegenüber versichert Kelly McEvers, die nächste Episode komme bestimmt. Aber die Leute von NPR hätten momentan nur die Präsidentschaftswahlen im Kopf.