Storycalling

Der Bayerische Rundfunk BR begibt sich auf Neuland. Erstmals schreibt er öffentlich einen „Wettbewerb für gute Geschichten“ aus. Auf der entsprechenden Webseite heisst es: „Wir wissen: da draußen gibt es viele kreative Menschen, die eine außergewöhnliche Idee mit sich herumtragen und denen bisher der Partner fehlt, sie zu verwirklichen. Mit unserem 'Call for Podcast' suchen wir nach genau diesen Konzepten und ihren Schöpfern."

Das Verfahren läuft zweistufig. Ende Jahr ist Einsendeschluss der Ideen. Dann erhalten die besten Konzepte (die Anzahl lässt der BR offen) den Auftrag und das Geld, um einen Piloten zu produzieren. Eine so genannte Crowd-Jury von bis zu 50 interessierten Leuten entscheidet dann, welche drei Projekte eine mehrteilige Staffel realisieren können - finanziert, begleitet und unterstützt durch den BR.

Meine erste Reaktion auf diese Kampagne: Cool, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender diesen unkonventionellen Schritt nach aussen wagt. Und offenbar erkennt, dass Innovation von innen nicht ausreicht.

Doch einige Radioleute und Podcaster kommentieren das Vorgehen des BR kritisch. So hat auf Facebook die umtriebige (und Radioinnovationen gegenüber sehr aufgeschlossene) Hörfunkerin Sandra Müller zwar zuerst auch positiv reagiert („Wow! Endlich. Gut!“), später aber nachgereicht: „Je länger ich ich drüber nachdenke, desto kurioser finde ich es.“ Sie findet, erstmal müsste ein öffentlich-rechtlicher Sender doch seine eigenen Autoren und freien Mitarbeiter nach deren guten Ideen fragen.

Das Eine tun und das Andere nicht lassen, entgegnen Diskussionsteilnehmer. Einer findet trotzdem, es sei etwas billig, wie der BR so auf bessere Ideen kommen wolle.

Kritik kommt auch von der freien Podcasterszene. Das hat sich an der kürzlichen Tagung „Subscribe 8“ gezeigt, die sinnigerweise in den Konferenzräumen des BR in München stattgefunden hat. Die Botschafter der offenen Netzwelt stören sich vor allem daran, dass der BR beim „Call for Podcast“ mit der Streaming-Plattform Spotify zusammenarbeitet. Sie sehen die Autonomie der freien Podcastwelt bedroht, wenn sich ein öffentlich-rechtlicher Sender mit solchen Riesen ins Bett legt.

Ob dieser Kritik und Skepsis hat mich interessiert, wie die Verantwortlichen des BR ihre Aktion begründen.  An der „Subscribe 8“ machte der BR seinen Wettbewerb erstmals publik. Ich war zwar dann nicht in München, doch habe ich den Auftritt von Verena Thies und Michael Reichert, die beim BR das Radio der Zukunft entwickeln, auf Youtube nachgeschaut.

„Von der Seite her anpiksen“

Meine Schlussfolgerung sei vorweggenommen: Ich bleibe bei meinem ersten Urteil, finde den Wettbewerb ein lohnenswertes öffentlich-rechtliches Experiment und kann nachvollziehen, warum es zu dazu kam.

Die Grundaussage von BR-Mann Michael Reichert kann ich voll unterschreiben: „Sendungen am Anfang und am Ende schneiden und ins Netz stellen – das kann es nicht mehr sein.“ Das laufe zwar, wenn man die Anzahl Downloads sehe, sehr gut. „Aber wenn man das mit dem Label ‚Radio der Zukunft‘ betrachtet, dann brauchen wir andere Workflows. Wir müssen da ran und wir wollen da ran.“ Es sei gar nicht einfach, dies in den öffentlich-rechtlichen Häusern zu kommunizieren. Und Verena Thies ergänzt: „Bis in einem so grossen Haus wie dem BR ein Workflow verändert wird, kann das dauern.“

Den „Call for Podcast“ sieht sie denn „als Möglichkeit, das vielleicht etwas abzukürzen oder von der Seite her anzupiksen.“ Sie ist überzeugt, dass die Offenheit gegen aussen mehr bringt. „Wir wollen nicht in unserem Funkhaus in einem Sitzungszimmer einige Tage überlegen, was für tolle Podcast-Ideen wir entwickeln können.“

Für Michael Reichert ist es die Denke der Zukunft, von neuen Podcast-Ideen auszugehen, „den Vorgang mal umzudrehen und dann zu überlegen, in welche Sendung dieses Format passt.“

(Podcast zuerst, Radiosendung später: Wie gut dies funktionieren kann, hat der österreichische Audiojournalist Lothar Bodingbauer an der „Subscribe 8“ eindrücklich präsentiert.)

Lieber mit Spotify als mit der ARD

Während der BR mit dem Podcast-Wettbewerb Neuland betritt, begibt er sich offensichtlich in Grauzonen des Rundfunkstaatsvertrags. So verbiete es dieser, auf der Wettbewerbsseite zu kommunizieren, dass Spotify mit an Bord sei, sagt Verena Thies.

Vor der versammelten Podcast-Szene plaudert sie aus, dass es auch „im BR Leute gibt, die Spotify als die Ausgeburt des Bösen halten.“ Doch für Michael Reichert ist klar: „Ohne Distribution geht es nicht mehr. Wir müssen auf Plattformen präsent sein, wo unsere Zielgruppen sich bewegen.“

Auf die Frage, warum man nicht innerhalb der ARD eine öffentlich-rechtliche Podcast-Plattform baue, sagt Verena Thies vieldeutig: „Es ist in der ARD noch nie einfach gewesen, gemeinsame Standards zu finden.“ Die Schwierigkeiten, in Rundfunkanstalten Neues beliebt zu machen, potenzieren sich im ARD-Netzwerk.

Die beiden Wettbewerbsverantwortlichen haben also vor allem auch intern noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Der Schritt gegen aussen mit dem „Call for Podcast“ soll ihnen dabei helfen. Und wer öffentlich-rechtliche Sender von innen kennt, sieht durchaus eine erfrischend subversive Note an diesem Wettbewerb.

PS: Die Amerikaner sind bereits einen Schritt weiter als der BR. In einem ganz ähnlichen Wettbewerbsverfahren (mit integriertem Workshop) hat NPR gerade diese Woche die drei ersten Podcast-Teams bestimmt, die nun einen Piloten produzieren. Die zweite Ausschreibung läuft bereits.