Printmedien im Podcastfieber

Vor ziemlich genau einem Jahr habe ich mich hier gefragt, wann endlich im deutschsprachigen Raum Zeitungsverlage ins Podcastgeschäft einsteigen. Nun kann man definitiv feststellen: Es ist soweit. Nachdem Pioniere wie die Rheinische Post, die Berliner Zeitung oder das Wirtschaftsmagazin brand eins mit Podcasts begonnen haben, ziehen nun auch mehr und mehr die grösseren Medienhäuser nach. Auffallend dabei ist, dass das digitale Audio als Geschäft der Online-Abteilungen gesehen wird.

Zeit Online hat – nachdem es schon länger den Zeit Wissen-Podcast gegeben hat - diese Woche drei neue Podcasts gestartet. Das Überraschendste (aus einem Haus, das ausserhalb des Onlineauftritts auf wöchentliche Vertiefung setzt) ist ein täglicher Newspodcast. Das Durchsichtigste (was die Hoffnung auf Downloadzahlen betrifft) ist ein wöchentliches Gespräch über Sex (um das Niveau zu sichern, führt es ein Wissenschaftsredaktor mit einer doktorierten Sexualtherapeutin).

Spiegel Online bezeichnet seinen Wahljahrpodcast „Stimmenfang“ als Erfolg und hat drei weitere Podcasts nachgelegt (mehr dazu erfährt, wer das Interview mit dem Verantwortlichen liest, das kürzlich der deutsche Journalist Sandro Schroeder veröffentlicht hat). Die Süddeutsche Zeitung plant ebenfalls Podcasts, wie mir an den Tutzinger Radiotagen zu Ohren gekommen ist. Und in der Schweiz hat das Medienunternehmen Tamedia angekündigt, auf Podcasts zu setzen und gibt erst mal – wie es auch der Economist macht - von einer Sprecherin vorgelesene Zeitungstexte testweise als „Audio-Artikel“ heraus (deren Sinn und Zweck sich mir nicht wirklich erschliessen).

USA als Vorbild

Angeheizt wird das deutsche Podcastfieber durch den Boom in den USA. Die Beliebtheit der Audios im Netz beim Publikum und zunehmend bei der Werbeindustrie bleibt deutschsprachigen Medienunternehmen nicht verborgen. Podcasts erreichen junge, gut gebildete, zahlungskräftige Hörerinnen und Hörer. This American Life, Serial und S-Town erreichen ein Millionenpublikum, der Newspodcast der New York Times, „The Daily“, stürmt die iTunes-Charts – warum sollen es da die Rheinische Post oder Zeit Online nicht auch versuchen?

„Alexa, ich will News“

Die Lust der Medien auf Hörstoff wird zusätzlich angeregt durch Geräte, die schneller unseren Alltag prägen werden, als wir uns das momentan vorstellen können: die Smart Speaker. Google Home, Amazon Echo, Apple HomePod sind zwar im deutschsprachigen Raum noch kaum präsent (und in der Schweiz noch nicht einmal auf dem Markt), doch das Rennen um die Audioinhalte, die die Smart Speaker auf Sprachbefehl von sich geben („Alexa, ich will einen Podcast hören“), hat bereits begonnen. So ist es kein Zufall, dass der Chefredakteur von Zeit Online, Jochen Wegner, seine neue Podcast-Initiative so begründet: „Die aktuelle Audio-Renaissance, die neue Plattformen wie Amazon Echo und Google Home zusätzlich beflügeln, hat auch uns inspiriert: In den kommenden Monaten experimentieren wir mit einer ganzen Reihe neuer Audio-Inhalte.“ Die Schweizer Tamedia bereitet sich mit ihren Audioinhalten ebenfalls auf die Smart Speaker-Zeit vor. "Sobald Alexa, Google Home, HomePod & Co. in der Schweiz offiziell erhältlich sind, wird Tamedia auch diese neuen Kanäle mit Kundinnen und Kunden intensiv testen", schreibt sie in ihrer Medienmitteilung.

Wachsende Konkurrenz für das Radio

Mit den neuen Playern verändert sich die Audiowelt, in der bisher die Radioleute das Sagen hatten. Was die Qualität der Audios aus den Printmedienhäusern betrifft, da haben die Audioprofis der Funkhäuser und Radiostationen noch wenig Konkurrenz zu befürchten. Talks und Interviews führen sie immer noch besser. Und wenn es um Geschichten geht, für die man den Schreibtisch oder das Internet verlassen muss, können die Radioleute definitiv ihre Stärken ausspielen.

Doch kann sich dies alles ändern. Und zwar auf beiden Seiten. Medienunternehmen können sich erfahrene Radioleute ins Boot holen, wie das besonders stark in den USA und vereinzelt auch schon in Deutschland geschehen ist. Noch sind die deutschen Podcasts aus den Medienhäusern ein schwacher Abglanz der amerikanischen Vorbilder. Das hat mit mangelnder handwerklicher Erfahrung, aber ebenso stark mit knappem Geld zu tun. Journalistische Geschichten in der Kunst des amerikanischen Storytelling zu erzählen ist aufwändig und teuer. Aber wer weiss, nach den billigeren Pionierpodcasts wagen sich Medienunternehmen vielleicht später auf handwerklich und erzählerisch anspruchsvolleres Terrain (was zu hoffen ist).

Den Hang zum Billigen, Schnellen haben andererseits leider auch viele Rundfunkanstalten entwickelt (sie packen immer mehr in die Arbeitszeit ihrer Leute, um online ebenfalls präsent zu sein). Trotz einiger verheissungsvoll neuartig klingender Features und Podcastserien geht die hörbare Erneuerung im Hörangebot der Öffentlich-Rechtlichen nur langsam voran. Noch gibt es viele innere Widerstände, sich auf die neuen Erzählweisen einzulassen, die Zeit und das Geld dafür freizugeben und den Joker der grossen technischen und inhaltlichen Audio-Erfahrung (und beispielsweise der grossartigen Archivtöne) auszuspielen.

Gegenseitige Befruchtung

Das Jahr 2017 macht deutlich, dass sich die öffentlich-rechtlichen Rundfunkhäuser überlegen müssen, wie sie sich auf die neue Konkurrenz der „Zeitungs-Podcasts“ einstellen wollen. Audio ist nicht mehr ihr Monopol. A propos: Ich habe in Tutzing gehört, dass die Audioplattform Audible in diesem Herbst rund 20 neue deutschsprachige Podcasts anbieten will. Und dass das Mutterhaus von Audible, Amazon, in Deutschland ebenfalls neue Podcasts plant, wohl auf der Suche nach Inhalten für ihren Smart Speaker.

Konkurrenz schadet den Radiostationen nicht. Im positiven Fall macht es sie sogar besser. In den USA sind die besten Podcasts von Leuten kreiert worden, die ihr Rüstzeug beim National Public Radio geholt haben. Häufig sind diese Podcast nun wieder Teil des NPR-Programms. Anderes Beispiel: Die NYT lanciert „The Daily“, NPR antwortet mit dem Newspodcast „Up First“. Beide werden pro Tag rund 750‘000 mal heruntergeladen. So befruchtet sich die Audioszene gegenseitig. Wieso nicht auch im deutschsprachigen Raum?

Ab Sommer: This‘ Pop-up Audio Doc Lab

Meine Zeit in Berkeley (wo ich mit meiner Familie gewohnt habe) und in San Francisco (wo ich als Resident bei Swissnex einen Arbeitsplatz hatte) neigt sich dem Ende zu. Meine Ernte ist ertragreich, aber noch lange nicht verarbeitet.

Im zweiten Halbjahr 2017, wieder in der Schweiz, widme ich mich deshalb konkreten Audioexperimenten. Ich gründe dafür This‘ Pop-up Audio Doc Lab. Audio Doc steht für Audio Documentary. Was dies beinhaltet, erkläre ich weiter unten.

Ich will in diesem Lab Neues ausprobieren, Podcast-Piloten produzieren und vielleicht gar eine Bühnenshow konzipieren. Immer geht es dabei um nicht-fiktionale Geschichten, um unseren hörbar gemachten Eindruck der Wirklichkeit.

This‘ Pop-up Audio Doc Lab poppt im Sommer auf und ist vergänglich wie alles im Leben. Ende 2017 ist Schluss mit lustig. Dann beginnt wieder der Ernst des Berufslebens. Je nach meinen Erfahrungen gründe ich entweder eine Audio Doc-Produktionsfirma (deren Namen ich schon wüsste) oder ich wende mich konventionellerem Geldverdienen zu.

Neues zu kreieren gelingt viel besser zusammen als allein. Ich brauche den Austausch, ein Einzelkämpfer will ich nicht sein. Schon gar nicht zuhause in der Mansarde.

Deshalb suche ich ab dem Sommer:

  • ein Atelier im Raum Bern mit Platz für eine schallisolierte Kabine oder in Nähe eines benutzbaren Tonstudios
  • im ersten Fall eine schallisolierte Kabine oder Hobbyhandwerker, die schon immer mal ein Tonstudio basteln wollten
  • Tontechnik-Profis, die mich beraten können bei der Anschaffung und Installation der Studioeinrichtung
  • Radio-Erfahrene, die Lust auf neue Erzählformen haben und aus ihrer Routine ausbrechen möchten
  • gute (wahre) Geschichten, die sich für eine Audiodokumentation eignen
  • Audiophile, die in einem regelmässigen Podcast-Zirkel mit Lust gelungene Audio Documentaries aus aller Welt sezieren und analysieren
  • Tontechnik-Profis, die interessiert sind an neuen Formen des Sound Design für Audio Docs
  • Dokumentarfilmer/innen, die wissen, wie man ein Drehbuch schreibt und einen Soundtrack kreiert
  • Dramaturg/innen, die beim Erzählen von (wahren) Geschichten helfen können
  • Musikerinnen und Musiker, die gerne den Soundtrack für Audiodokumentationen liefern
  • Online-Affine, die wissen, wie aus einem Audio ein Podcast wird, von dem die Leute da draussen wissen
  • Finanz-Interessierte, die Ideen haben, wie für Podcasts Geld zu holen ist (z.B. bei Medienunternehmen, Stiftungen, durch Crowdfunding oder Micropayment)
  • Projekt-Erfahrene, die wissen, wie ein für alle Seiten attraktives Budget zustande kommt
  • Tontechnik-Profis, die Erfahrung mit Audio-Live-Events auf der Bühne haben
  • Radio-Erfahrene, die an live inszenierten wahren Geschichten auf der Bühne interessiert sind.

Ich suche also – neben einer Lokalität – neugierige, (teil-)kompetente Menschen, die sich mit mir einmalig oder regelmässig austauschen, an etwas Grösserem mitarbeiten oder sich durch meine Pläne angesteckt fühlen. Und die als Audiophile das Gefühl kennen, unter dem Kopfhörer gebannt einer wahren Geschichte zuzuhören – tief berührt, verblüfft oder amüsiert – und zu denken: So etwas möchte ich auch einmal zustande bringen.

Als Agnostiker kann ich in diesem halben Jahr nicht einmal auf Gottes Lohn hoffen. Geld kann ich demnach niemandem versprechen für die Zeit, die ihr mit mir zusammensitzt, -hirnt und -arbeitet. Aber wenigstens kann ich kochen oder Kaffee machen oder Bier kaufen. Wer weiss – vielleicht entsteht ja etwas aus der Experimentiererei und Piloterei, das Zukunft hat. Das wäre mein Traum.

Wer sich angesprochen fühlt von This‘ Pop-up Audio Doc Lab und gerne mitwirken möchte, soll sich doch einfach kurz bei mir melden, am besten per e-mail auf twachter@gmx.ch. Ich freue mich unbändig über jedes Zeichen des Interesses.

Ab Juli bin ich wieder in Bern, wo ich hoffentlich bald darauf aus dem virtuellen This‘ Pop-up Audio Doc Lab ein tatsächliches machen werde.

Audio Doc als Evolution einer Tradition

Ich verwende den Ausdruck Audio Doc als Kurzform von Audio Documentary, eine Bezeichnung, die ich von John Biewen übernommen habe. Er lehrt am Center for Documentary Studies der Duke University und beweist mit seinem Podcast Scene on Radio, dass er Meister seines Fachs ist. Biewen ist Mitherausgeber des Buchs „Reality Radio – Telling True Stories in Sound“. Ich habe die zweite Auflage, die neu herausgekommen ist, richtiggehend verschlungen (und ich werde das Buch immer mit den idyllischen Holzbänken des Botanischen Gartens in Berkeley verbinden, auf denen ich es gelesen habe). Audio bedeutet, dass Hörbares heute nicht mehr nur im Radio zu geniessen ist. Und Documentary steht für den neueren Zugang ans Nicht-Fiktionale, der näher beim Film ist, Musik verwendet, subjektiver ist, stark von den englischsprachigen Podcast-Erzählformen geprägt ist, aber auch von einer bedeutenden Tradition lebt, die in den USA Radio Documentary und in Europa Feature genannt wurde. Die Vergangenheitsform ist hier bewusst gewählt: Zwar existiert das Feature noch, doch ist es eine der aufwändigsten Radioformen – und damit eine, die vom Aussterben bedroht ist, oder zumindest von Spar- und Effizienzsteigerungsmassnahmen in den öffentlich-rechtlichen Sendern.

Deshalb braucht es frischen Wind für die Ohren. Und darum setze ich im kommenden halben Jahr hier an. Weil ich fest daran glaube, dass für Audio Documentaries unter all jenen, die ein Smartphone und Kopfhörer haben, ein Publikum zu finden ist. Und weil wahre Geschichten unter dem Kopfhörer einen Sog der Intensität und Intimität entwickeln können, dem man sich schwer entziehen kann.

Sounds of a Sabbatical

Ach ja, wer noch wissen will, was ich eigentlich alles in meinem Sabbatical gemacht habe, hier ein kurzer Zusammenschnitt, in dem vieles fehlt (insbesondere alle alltäglichen und aussergewöhnlichen Familienaktivitäten und Exkursionen in die Natur und Kultur der Bay Area):

Ich war bei der Happy Hour und später im Studio von Reveal, habe im Radiostudio von KALW den Sounddesigner und Podcaster Chris Hoff kennengelernt, habe von 99% Invisible-Produzentin Avery Trufelman eine Führung durch Oaklands Bars und das 99pi-Studio bekommen, war im Publikum der Live-Shows von Snap Judgement mit Glynn Washington, Radiotopia mit Roman Mars und The World According to Sound, habe mir unzählige Podcasts angehört, darunter die hervorragende Serie über die Folgen der Gentrifizierung auf die Agglomeration von San Francisco im Podcast Q’ed Up des NPR-Senders KQED, die augenöffnende Serie „Seeing White“ in John Biewen’s Podcast Scene on Radio und natürlich den Siebenstünder S-Town, habe über letzteren auf SRF 2 Kultur berichtet, habe für SRF den 98-jährigen, umwerfenden Wissenschaftsredaktor David Perlman porträtiert, habe bei einer Gedenkveranstaltung zu 50 Jahren Black Panthers Gründungsmitglied Bobby Seale zugehört, bin am Valentinstag mit Freiwilligen über die Golden Gate Bridge spaziert, die dort Suizide verhindern wollen, habe San Francisco durch die exzellenten Audioführungen von Detour besser kennengelernt, habe für Swissnex eine Interview-Podcastserie über neue Ansätze der humanitären Hilfe produziert, habe an der Stanford University den Journalisten Jake Warga getroffen, der am Storytelling Lab mit Studierenden Podcasts produziert (was ich gerne an einer Schweizer Hochschule ausprobieren möchte), habe mit einem Erdbebenforscher der UC Berkeley über sein neues Crowdsourcing-App MyShake gesprochen und in einer Fabrikhalle Tonaufnahmen des Earthquake Shaking Tables gemacht,  habe mit einer Molekularbiologin über ihren Lucky Failure gesprochen, habe eine Soziologin, eine Genetikerin und einen Rechtsprofessor gefragt, warum die Amerikanerinnen und Amerikaner immer noch von menschlichen Rassen sprechen (und warum wir bei der Anmeldung unserer Kinder an die hiesige Schule den Race Code angeben mussten – 600 für weiss). Und ich habe Töne aus der Forschung gesammelt.

Etliche Tonaufnahmen sind noch unverarbeitet, einige Experimente laufen weiter. So sammle ich Erfahrungen im Geschichtenerzählen ohne Erzähler, das heisst in Audiogeschichten, in denen meine eigene Stimme nicht vorkommt. In einem Übungsstück mit der Molekularbiologin über ihr glückliches Scheitern tönt dies so (Musik von Blue Dot Sessions und bensound.com):

Töne aus der Forschung werde ich weiterhin sammeln. Einige von ihnen werden womöglich dereinst in einem Wissenschaftsableger des 90-Sekunden-Podcasts The World According to Sound zu hören sein. Hier ist der Ton die Story. Eine kurze Erklärung auf Englisch ordnet das Gehörte ein. Live-Shows ergänzen den Kürzest-Podcast. Die Macher Chris Hoff und Sam Harnett leben und arbeiten in San Francisco. Ich habe sie mit der Idee infizieren können, einen Ast ihres Podcasts auf Sounds of Science auszurichten (die sie bis jetzt nur gelegentlich verwendeten, zum Beispiel in dieser Episode hier). Nun sind wir dabei, einen Pitch für das Ausbauprojekt zu formulieren und dann international Geld dafür zu suchen. Dazu hoffentlich bald mehr.

Wissenschaft als Podcast-Tummelplatz

Science Podcast? Radiolab! Das ist häufig der Reflex. Klar setzen Jad Abumrad und Robert Krulwich nach wie vor Massstäbe, wenn es um das Erzählen von Wissenschaftsgeschichten geht. Doch Radiolab ist weit mehr als ein Wissenschaftspodcast. Und Wissenschaftspodcasts sind weit mehr als Radiolab.

Der englischsprachige Raum scheint ein besonders fruchtbares Biotop von Science Podcasts zu sein. Die Diversität ist unüberblickbar gross: 60-Second Science, Science vs, Science Friday, Probably Science, The Naked Scientists, Talk Nerdy, Stuff You Should Know, Stuff to Blow Your Mind, Brainstuff, The Hidden Brain, Brains On!, The Story Collider, Flash Forward, Undiscovered, Invisibilia, Wow in the World, Science Solved It, All In The Mind, You Are Not So Smart...

Wissenschaftler podcasten für Wissenschaftler

Die beste Übersicht bietet zurzeit eine Liste, die der britische Physiker und Podcastfan Lewis E. MacKenzie zusammengetragen hat. Sie enthält über 100 englischsprachige Wissenschaftspodcasts.

Etwa ein Viertel rechnet er jener Gattung zu, die Wissenschaftsinsider ansprechen. Dazu gehört This Week in Virology, in dem in der Szene bekannte amerikanische Virologen jede Woche die neuesten Forschungsresultate und Publikationen diskutieren. In der Tat bin ich letztes Jahr von einem Professor der Universität Bern auf diesen Podcast aufmerksam gemacht worden. Offenbar ist dieser Podcast ein Must für Virologen weltweit. Dies zeigt, dass es für Wissenschaftspodcasts viele Nischen gibt und sich in diesen Nischen etliche Fangruppen finden. Und weil Englisch DIE Wissenschaftssprache ist, profitieren Science Podcasts, die weltweit Wissenschaftler ansprechen, zusätzlich vom Boom im englischsprachigen Raum.

Ohne eine genaue Recherche gemacht zu haben würde ich schätzen, dass mindestens drei Viertel der Science Podcasts von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern oder Science Fans produziert werden. Diese Podcasts sind zwar häufig inhaltlich kompetent, meist geradezu euphorisch, aber formal und technisch fallen sie zu oft ab.

Science Podcast als Erfolgsprodukt

Bei Podcasts von Leuten mit journalistischem Hintergrund gibt es grosse Unterschiede in der Machart: Die einen tönen kommen noch eher konservativ daher (z.B. der Science Magazine oder der Nature Podcast), andere sind etwas lockerer (wie zum Beispiel die 25-jährige Radio- und Podcastshow Science Friday), dritte sind stark vom neuen Groove in Sachen Ansprache, Storytelling und Sounddesign geprägt. Dazu gehört Science Vs, präsentiert von der (mir manchmal etwas allzu überdrehten) Australierin Wendy Zukerman.

Science Vs ist ein guter Beleg dafür, dass (im englischsprachigen Raum) ein gut gemachter Science Podcast auch kommerziell interessant sein kann. Das Podcastunternehmen Gimlet Media in New York hat Wendy Zukerman unter Vertrag genommen, nachdem sie die erste Staffel für die Australian Broadcasting Corporation ABC produziert hatte. Für Gimlet Media war die Akquisition offenbar so erfolgreich, dass nun bereits die dritte Staffel läuft.

Der Erfolg solcher Science Podcasts, die zunehmend von privaten Podcastunternehmen und von NPR-Stationen produziert werden, wirft Schatten auf die unabhängigen Podcaster. Rose Eveleth vom Podcast Flash Forward hat es gegenüber dem Blogger Nicholas Quah so ausgedrückt: „Früher konnte man unter die Top 50 von iTunes kommen, indem man einfach etwas über Wissenschaft oder Medizin machte. Heute ist man nur vorne dabei, wenn man etwas wirklich Gutes, Überraschendes in hoher Qualität bietet. Der Wettbewerb ist härter geworden; die Spitze ist bevölkert von Podcasts mit ganzen Teams und Strukturen dahinter.“

Platz für Besseres

Dieses Phänomen zeigt sich im deutschsprachigen Raum nicht. Hier regieren noch die unabhängigen Wissenschaftspodcasts. Es sind rund 40 an der Zahl, wie der Übersicht auf www.wissenschaftspodcasts.de zu entnehmen ist. Die Liste stammt von einer Gruppe „wissen(schaft)s-begeisterter Podcasterinnen und Podcaster“ (wie sie sich selbst beschreibt).

Ein Indiz der Begeisterung ist oftmals die Länge der deutschen Wissenschafts-Podcasts, die gut und gern zwei Stunden dauern können. Da geht offenbar ob der Schwärmerei die Zeit vergessen. Ob dies allerdings beim Publikum ebenfalls der Fall ist, darf man bezweifeln. In technischer und formaler Hinsicht ist bei den meisten noch ziemlich viel Luft nach oben – zumindest in den Ohren eines von den englischsprachigen Top-Podcasts verwöhnten Radiojournalisten. (Hinweise für Beispiele, die meine Eindrücke widerlegen, nehme ich sehr gerne entgegen!)

Diese Kritik mag für all jene arrogant klingen, die unzählige Stunden investieren, um deutschsprachige Wissenschaftspodcasts zu produzieren. Ich gönne ihnen ohne Ironie jeden Hörer, jede Hörerin. Ich glaube einfach nicht daran, dass sie damit ein grösseres Publikum ansprechen können. Aber das wollen sie vielleicht gar nicht. Ihre Begeisterung jedenfalls ist bewundernswert.

Nur gehört Begeisterung halt eher weniger ins Vokabular von Journalisten, wie ich einer bin, als viel mehr von Wissenschaftsfans und der Wissenschafts-PR.

Stiftungen sollten Qualität fördern

A propos PR: Etliche deutschsprachige Wissenschaftspodcasts sind finanziert von Universitäten oder akademischen Gesellschaften wie der Helmholtz-Gemeinschaft, dem Stifterverband oder der Max-Planck-Gesellschaft. Das ist in den USA nicht anders. Nur gibt es dort dank Stiftungsgeldern bereits wirklich gut tönende, spannende, überraschende Podcasts. Es ist Zeit, dass solches auch im deutschsprachigen Raum zu hören ist. Ein langfädiges Gespräch mit einer Mathematikerin oder eine Podiumsdiskussion mit lauter Professoren als Podcast ins Netz zu stellen, bringt auch die Wissenschaftskommunikation nicht weiter.

Immerhin sorgt einmal mehr das deutsche Podcastlabel Viertausendhertz für einen Lichtblick. Die neuesten Auftragsproduktionen Wissen-Snacks für den Streamingdienst Deezer und Tipping Point (in Englisch) für die Heinrich Böll Stiftung tönen wahrhaft nach der neuen Podcastsprache. Wer sich fragt, wie Podcasts klingen sollten, kommt um die Berliner Pioniere nicht herum. Doch ausser auf der Frequenz Viertausendhertz ist in der Welt der deutschsprachigen Wissenschaftspodcasts noch viel Platz für Besseres.

Die Rolle der Öffentlich-Rechtlichen

Immerhin gibt es ja noch die Wissenschaftssendungen der Öffentlich-Rechtlichen wie ARD, Deutschlandfunk, ORF oder SRF. Sie sind ja alle auch als Podcasts erhältlich. Und einige versuchen, die Ansprache und die Erzählformen podcastiger zu gestalten, wie der Deutschlandfunk Nova (früher DRadio Wissen).

In Europa sind die öffentlich-rechtlichen Sender noch stark. Das ist gut so. Doch eine Schattenseite davon ist, dass daneben kaum ein Markt für unabhängige Podcasts entstehen kann. In den USA mit dem viel grösseren Gesamtmarkt (von rund 300 Millionen potenziellen Hörerinnen und Hörern) und den weniger dominanten öffentlichen NPR-Sendern sind die unabhängigen (häufig von ehemaligen NPR-Leuten gegründeten) Podcasts ein Nährboden der Audio-Innovation, was umgekehrt auch wieder dem NPR zu Gute kommt.

Dieses befruchtende Wechselspiel zwischen traditionellerem, aber auf solidem Handwerk basierenden Radio und experimentellerem, innovativem Podcasting funktioniert so im deutschsprachigen Raum noch nicht. Umso wichtiger ist es da, wenn sich öffentlich-rechtliche Sender Freiräume schaffen, um mit neuen Erzählformen und Stilmitteln zu experimentieren. Das betrifft nicht nur Wissenschaftsthemen.

Investigativer Sound

Ungeklärte Mordfälle, giftige Rückstände im Boden, Trumps Mauer zwischen den USA und Mexiko: die Themen, über die der Podcast Reveal berichtet, sind nie leicht und lustig.

Seit zwei Jahren enthüllt der Podcast Geschichten, die im Center for Investigative Reporting CIR entstanden sind. Das 1977 gegründete CIR hat sich seit Jahrzehnten dem investigativen Journalismus verschrieben. In seinen schicken, loftartigen Redaktionsräumen in Emeryville auf der Ostseite der San Francisco Bay richten gut 60 erfahrene Journalistinnen und Journalisten die Scheinwerfer auf die Schattenseiten der Welt. Sie werden dafür mit vielen Journalismus-Preisen eingedeckt.

Das CIR liefert Artikel an Zeitungen und Online-Portale, Videobeiträge an TV-Sender und Audiostories an Stationen des National Public Radio. Und es tut dies eben auch im CIR-eigenen Podcast Reveal. Dieser wird als stündige Sendung den NPR-Stationen angeboten. Reveal-Host Al Letson führt zudem regelmässig vertiefende Interviews, die ebenfalls Teil des Podcasts (aber nicht der Radiosendung) sind. Der Podcast erzeugt gemäss Chefredakteurin Amy Pyle 1.5 Millionen Downloads pro Monat – seit der Wahl von Donald Trump steige das Interesse des Publikums und der Geldgeber (Stiftungen und Einzelpersonen) noch zusätzlich.

Tontechniker und Musiker

Für das Klangkleid von Reveal ist Jim Briggs zuständig. Ich treffe den zugänglichen Sound Designer in seinem Einzelbüro, das vom grossen, luftigen Redaktionsraum durch eine Tür abgetrennt ist. Mit gutem Grund: In Jims Reich sind die beiden Computerbildschirme von Lautsprecherboxen flankiert. Rechts daneben steht ein Keyboard. An seinem Arbeitsplatz kann es ganz schön laut werden.

Jim Briggs, Sound Designer von Reveal, in der Regie des Aufnahmestudios.

Jim Briggs, Sound Designer von Reveal, in der Regie des Aufnahmestudios.

Jim Briggs famoses Sound Design ist mir beim Hören von Reveal-Episoden immer wieder aufgefallen. So zum Beispiel in der Episode The Smuggler, in der der französische Journalist Raphael Krafft erzählt,  wie er vom Reporter zum Schlepper wurde. Im Schlüsselmoment seiner Erzählung setzt der Beat eines Schlagzeugs ein, bald folgt die Basslinie – zurückhaltend, aber wirkungsvoll bekommt die Erzählung zusätzlichen Drive.

Das ist die Handschrift von Jim Briggs, der alle Qualitäten dazu in seiner Person vereint. Er ist ausgebildeter Tontechniker, Musiker, Komponist und bringt viel Radio-Erfahrung mit. Bevor er zu Reveal an die US-Westküste gekommen ist, arbeitete er an der Ostküste für Radiosendungen und Podcasts (zum Beispiel für Radiolab) und machte den Sound für Dokumentarfilme. Bei Reveal kümmert er sich um die Studiotechnik („da habe ich möglichst viel so konfiguriert, dass die Leute es ohne mich nutzen können“) und das Abmischen sowie das Sound Design des Podcasts.

Meist am Schluss in Aktion

Jim Briggs ist im aufwändigen Editierprozess das letzte Glied in der Kette. Zu ihm kommen die definitiven Manuskripte und die mehr oder weniger vollendeten Audioprojekte. Er arbeitet eng mit dem Chefproduzenten Kevin Sullivan zusammen, der bei Reveal das letzte Wort hat.

Gelegentlich kommt es vor, dass der Sound Designer früher involviert wird und so die Chance bekommt, etwas mehr Zeit zu investieren. Das war im Fall von The Smuggler der Fall. Dem Sound hört man an, dass er in einem Guss entstanden ist.

Die Realität ist aber auch bei Reveal meist anders. Jede Woche eine stündige Episode plus zusätzliche Interview-Episode heisst knochenharte Arbeit und drohende Deadlines. Da kann es schon mal vorkommen, dass sich auch Sound Designer Jim der frei zugänglichen Musik im Internet bedient. Doch dies ist dann doch der Ausnahmefall.

Komposition aus dem Stand heraus

Als ich ihm über die Schultern schaue, hat er in seinem Audioschnitt-Programm Pro Tools eine Reportage einer NPR-Reporterin geladen. Es geht um Polizeigewalt in Baltimore. Jim arbeitet am ersten von drei Teilen. Für einen Übergang von der Erzählung zu einem Quote braucht er ein paar Takte Musik. Vor meinen Augen und Ohren entfaltet sich Jim Briggs meisterhaftes Können: Mit ein paar Tastenklicks auf seinem farbig leuchtenden Elektrobeat-Panel und dem Keyboard kreiert er kurzerhand einen Sound, der so klingt, als wäre er mit echtem Kontrabass und Schlagzeug entstanden.

Das ist denn auch das einzige Flunkern, dass sich Reveals Sound Designer erlaubt. „Ich arbeite für einen topseriösen, hochwertigen Journalismus. Da ist es für mich zentral, mit dem Sound die Story zu unterstützen, aber auf keinen Fall zu manipulieren.“ Soundeffekte wie zum Beispiel zusätzliche Geräusche, die nicht aus der Reportage selbst stammen, sind für ihn auf dem Index.

Wichtige Filmerfahrungen

Wann und wie er im Podcast Musik einsetzt, ist extrem vom Inhalt und den Momenten in der Reportage abhängig. Manchmal macht er damit deutlich, dass eine neue Szene beginnt. Dann wieder braucht eine monotone Strecke etwas Untermalung. Im Klangkleid eines Podcasts kommt immer der persönliche Stil des Sound Designers zum Ausdruck. Jim Briggs sagt, seine Erfahrungen mit dem Sound Design im Dokumentarfilm liessen sich bei der Produktion von Audiodokumentationen gut nutzen. Da ist es wohl kein Zufall, dass er sich besonders inspiriert fühlt vom Sound Designer und Oscar-Preisträger Walter Murch, der im Filmgeschäft hochangesehen ist. 

Kultur der Experimente

Während sein Berufskollege des ganz in der Nähe beheimateten Podcasts Snap Judgement klar Hiphop-Wurzeln habe, könne er seinen eigenen Musikstil nicht klar verorten, sagt Jim. Mit Snap Judgement hat er sich kürzlich für ein gemeinsames Experiment zusammengetan. Aufgrund der bestehenden Daten über die amerikanisch-mexikanische Grenze (Abfolge von Zäunen, Mauern, freie Grenze) haben der Datenjournalist des CIR und Jim Briggs einen Beat kreiert. Dieser dient nun als Boden für einen Rap-Challenge, zu dem die beiden Podcasts über die sozialen Medien aufrufen.

Trotz aller Deadlines hat der Sound Designer von Reveal also noch Zeit für solche Experimente. „Das ist die Kultur hier“, sagt er und wendet sich wieder der nächsten Szene über Polizeigewalt in Baltimore zu.

Audio-Epos S-Town schlägt neues Podcastkapitel auf

Einen siebenstündigen Podcast am Stück hören: Das ist seit dieser Woche möglich. Die gemeinsame Produktionsfirma von Serial und This American Life hat ihren neuen Podcast S-Town veröffentlicht. Die Erwartung war so hoch, dass bereits der Trailer zu S-Town auf Platz 1 der iTunes-Charts landete.

Serial und This American Life haben in der Welt der journalistischen Hörgeschichten schon immer den Takt angegeben - und sie tun dies mit S-Town weiterhin. Das ist mein Fazit nach dem Hör-Marathon (den ich nur am Schluss etwas beschleunigt habe, weil ich eine Deadline von SRF 2 Kultur einhalten musste).

Mord, Rätsel und Geheimnisse – dies haben die Macher im Vorfeld versprochen. Eines der Rätsel löst sich bereits zu Beginn des Podcasts. Während amerikanische Medien darüber spekuliert haben, in welchem Ort mit S die wahre Geschichte spielt, wird jetzt klar, S-Town heisst Shit-Town. Und ist der ländliche Ort Woodstock in Alabama. Dort leben vorwiegend Weisse, deren Tatoos und rüde Sprache dem New Yorker Journalisten Brian Reed zuerst einmal ziemlich Respekt einflössen.

Manisch-depressiver Protagonist

Reeds Geschichte geht zurück ins Jahr 2013, als sich ein gewisser John B. McLemore bei ihm meldet. Es gebe viel aufzudecken in seiner Shit-Town. Ein Sohn aus wohlhabender Familie prahle damit herum, einen Mord begangen zu haben und dafür nicht belangt worden zu sein.

Brian braucht etwas Zeit, bis er sich für den Mittvierziger zu interessieren beginnt, der manisch lange e-Mails schreibt über seine depressive Sicht der Welt. Doch dann zieht es ihn rein in dessen Geschichte.

Der Journalist reist an den Ort des Geschehens, spricht mit Dutzenden Menschen, nimmt Hunderte Stunden Ton auf. Was er zusammengetragen hat, erzählt er in sieben rund einstündigen Kapiteln.

S-Town ist nicht Serial

Die Produktionsfirma Serial Productions hat nun das ganze Paket zusammen online gestellt – ein einzigartiges Vorgehen bei Podcasts (aber durchaus üblich bei Filmserie-Anbietern wie Netflix). Binge-Listening heisst das auf Englisch.

Bis jetzt kamen einzelne Episoden von Podcastserien typischerweise im Wochenrhythmus heraus – um die Spannung über lange Zeit hochzuhalten. So war es beim grossen Vorbild Serial. Doch S-Town ist nicht Serial. S-Town ist mehr Tatsachen-Roman als eine Serie über einen ungelösten Kriminalfall.

Das Werk als Ganzes zu veröffentlichen, hat für die Macher den Vorteil, zu Beginn einer neuen Episode nicht jedes Mal die Vorgeschichte erzählen zu müssen. Und das Ende der Kapitel kommt ohne die üblichen Cliffhanger aus, wo es so unerträglich spannend werden muss, dass man nach einer Woche ungeduldig die nächste Episode herunterladen will.

Hochseilakt der journalistischen Empathie

S-Town entwickelt einen Sog, der nicht von kurzlebiger Spannung lebt. Besonders deutlich macht dies die Tatsache, dass die Geschichte bereits am Ende des zweiten Kapitels kulminiert, bevor noch fünf Stunden folgen. Der Journalist Reed und mit ihm wir als Hörer werden mit einer völlig unerwarteten, schlechten Nachricht konfrontiert.

Worum es sich dabei handelt, kann hier nicht verraten werden. Sie bringen aber Erzähler Brian Reed und mich als Hörer ziemlich aus dem Konzept. Was folgt, ist literarischer Journalismus vom Feinsten, der menschliche Abgründe und Mysterien ausleuchtet und einem unter dem Kopfhörer in den Bann zieht. Brian Reeds Recherche und Erzählung ist ein Hochseilakt der professionellen Empathie – er meistert ihn, ohne in unwürdigen Voyeurismus zu verfallen. Am Schluss bleiben gezwungenermassen ein paar Fragen offen. Aber so ist halt die Realität.

Die sieben Kapitel von S-Town schreiben ein neues Kapitel in der Podcastgeschichte. Ein amerikanischer Podcast mehr, der weltweit wohl mehrere Millionen Menschen bewegen wird - nicht nur in englischsprachigen Ländern. S-Town belegt jedenfalls auch in den deutschen iTunes-Charts zurzeit den ersten Platz. Zu Recht.

Deutsche Podcast-Perle

Richtig gute Geschichten haben kein Ablaufdatum. Dies gilt auch für Podcasts. Obwohl ich momentan an der US-Westküste die Audiowelt erkunde, habe ich stets ein Ohr zum deutschsprachigen Raum gerichtet. Was ich dabei in den vergangenen fünf Wochen hörte, ist der Rede wert: Der NDR und rbb sorgen mit der gemeinsamen Podcastserie „Bilals Weg in den Terror“ für einen ersten Höhepunkt im noch jungen 2017.

In der fünfteiligen Serie nimmt der Autor Philip Meinhold die Hörer mit auf seine Recherche über das Schicksal von Bilal, geborener Florent. Als 14-Jähriger gerät der Deutsche mit kamerunischen Wurzeln in salafistische Kreise, zwei Jahre später reist er zum IS nach Syrien, wo er kurz danach stirbt. Nicht nur der Tod, auch der Weg Bilals in den Dschihad lässt viele Fragen offen, denen Philip Meinhold mit hartnäckiger Recherche und sympathischer Empathie nachgeht.

Persönlichere Ansprache

Obwohl als „Radio- und Podcastserie“ bezeichnet, ist „Bilals Weg in den Terror“ zuerst einmal als Podcast konzipiert worden, frei von althergebrachten Formalien und Erzählmustern. Verantwortliche Redaktorin ist Ulrike Toma. Sie leitet beim NDR die Abteilung mit dem schönen Namen „Radiokunst“. „Wir wollten bei dieser Serie eine direktere, persönlichere Ansprache des Publikums, mehr als bei einem klassischen Feature“, sagt sie, „und dies kombiniert mit der bestmöglichen Qualität.“ Dieser Anspruch erfüllt die Serie für mich. Und sie zeigt, welches Potenzial beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk für das neue Podcastzeitalter vorhanden ist.

Als Hörer bin ich nah am recherchierenden Autor, der seine Gedanken, Interpretationen und Fragen preisgibt und mich mitnimmt zu Freunden, zur Mutter von Bilal, zu Salafismus-Experten, zum islamistischen Prediger Pierre Vogel und vielen mehr. Kaum je habe ich ein so differenziertes Bild davon bekommen, wie Jugendliche in Salafistenkreise geraten und welche Alarmsignale in Familie und Schule wahrnehmbar sind (häufig im Nachhinein).

Organische Tongestaltung

Gut hörbar ist die Radiokunst von „Bilals Weg in den Terror“ bei der Musik und dem Sound Design: sehr organisch, den Inhalt unterstützend und technisch tadellos. Die Redaktion hat mit der Musikerin Gudrun Gut zusammengearbeitet, die laut Ulrike Toma als Grundlage das Manuskript der Serie bekam.

Das ist eine der Verbesserungen, für die der NDR im Vergleich zur Podcastserie vom letzten Jahr - „Der talentierte Mr. Vossen“ – gesorgt hat; da war die Tongestaltung noch recht wechselhaft. Ein anderer Fortschritt ist der elegantere, kürzere und für jede Episode neu komponierte Einstieg.

Tücken des Spannungsbogens

Es ist höchst anspruchsvoll, aus einer überaus aufwendigen Recherche eine fünfteilige Geschichte zu erzählen, die einerseits übers Ganze, andererseits über jede einzelne Folge einen Spannungsbogen zieht. Dies ist meiner Meinung nach nur halbwegs gelungen.

Ein kleines Indiz: Zwar versucht der Autor gelegentlich, eine Episode mit einem Cliffhanger zu beenden, um Spannung auf die nächste Folge zu erzeugen. Das klappt für mich vor der letzten Folge, als eine bisher unbekannte Audiobotschaft auftaucht. Das klappt jedoch nicht vor der zweiten Folge, als an der Abdankung dunkle Gestalten auftauchen (die sich aber später als unspektakulär erweisen).

Die Folgen sind zwischen 26 und 29 Minuten lang. Das ist für mich nur so erklärbar, dass die Radioausstrahlung eine bestimmte Dauer (mit gewissem Spielraum) voraussetzte.

Der nicht zu unterschätzende Vorteil von Podcasts, keine fixen Längen anzustreben, ist hier möglicherweise noch nicht ganz ausgespielt worden. Es wäre interessant zu hören, wie „Bilals Weg in den Terror“ in fünf Akten erzählt würde, die zwischen 10 und 30 Minuten variieren könnten und dafür einer noch härteren Selektion der besten Töne und Quotes unterworfen wären.

Ich bin mir bewusst, wie schwierig das ist (und masse mir nicht an, es besser zu können) und ich gehe davon aus, dass sich die Macherinnen und Macher dieser Serie den Kopf zerbrochen haben, wie sie die Geschichte genau erzählen wollen.

Wie auch immer: Mir ist viel von „Bilals Weg in den Terror“ hängengeblieben. Philip Meinhold hat mich zum Nachdenken gebracht und mir neue Erkenntnisse geliefert. Das allein macht das Hören der Serie wertvoll.

Und es stimmt zuversichtlich, dass grosse Rundfunkanstalten wie der NDR nicht den Aufwand scheuen, mit qualitativ hochwertigen Podcastserien das digitale Audiozeitalter zu bereichern.

Radiostation als Podcast-Inkubator

Idealismus, soziales Arbeitsklima und Lust zur Kreativität – das ist das Erfolgsrezept des öffentlichen Radiosenders KALW in San Francisco. Der Besuch in den Baubaracken, wo die Redaktion zurzeit einquartiert ist, macht sofort klar: Hier ist eine Radiofamilie zuhause, die nicht auf hohe Löhne und gediegene Studioeinrichtung aus ist, sondern auf ein innovatives Programm.

Produzentin Julie Caine empfängt mich in den temporären Redaktionsräumen in einem abgelegenen Quartier im Süden von San Francisco. Die Studios im Flügel der angrenzenden High School werden gerade renoviert, deshalb die Übergangslösung. Die Nähe zur High School ist kein Zufall. Seit Jahrzehnten ist KALW hier zuhause. Organisatorisch ist die Radiostation dem örtlichen Schuldistrikt angebunden – ein durchaus übliches Konstrukt im Netzwerk der National Public Radios.

In San Francisco gibt es zwei NPR-Sender. Der grosse ist KQED und ist wesentlich besser ausstaffiert und hat auch einen TV-Sender. „KQED ist der Goliath und unser KALW der David“, sagt Julie Caine. „Wir verstehen uns als Talentschmiede und Inkubator.“ Zu Recht: Hier sind die Grundsteine gelegt worden für überaus erfolgreiche Podcasts wie 99% Invisible oder Snap Judgement – die beiden Hosts Roman Mars und Glynn Washington hatten beide bei KALW begonnen und sich später mit ihren Podcasts selbstständig gemacht. KALW hat ein Radioprojekt mit der Haftanstalt San Quentin gestartet, das mittlerweilen international bekannt geworden ist. Und ganz neu ist eine Frauengruppe um Julie Caine daran, den neuen Podcast „The Stoop“ in Zusammenarbeit mit NPR zu entwickeln. Das Projekt, das zum Ziel hat, auf erfrischende Art das Leben der schwarzen Amerikanerinnen zu beleuchten, ist eines von zwölf Siegerprojekten in einem Wettbewerb von NPR. Nun durchläuft es die Pilotphase mit ersten Publikumstests. Im Frühling sollte „The Stoop“ dann anrollen.

Radiofamilie KALW: Stoop-Host Leila Day, Produzentin Julie Caine und News-Chef Ben Trefny (von links).

Radiofamilie KALW: Stoop-Host Leila Day, Produzentin Julie Caine und News-Chef Ben Trefny (von links).

Eine der drei Frauen dieses Podcasts, Leila Day, sitzt gerade mit Praktikanten im Sitzungszimmer und führt sie in die Tücken der Interviewvorbereitung ein. Die Ausbildung von neuen Leuten ist ein weiterer Eckpfeiler von KALW. Auffallend ist, dass die Stagiaires nicht wie sonst üblich 20- oder 25-jährig alt sind. Es gibt auch solche, die um die vierzig sind. „Wichtig ist uns vor allem, dass wir Leute aus möglichst vielen sozialen Gruppen ausbilden“, sagt dazu Julie Caine.

Die wenigen ruhigen Räume in der KALW-Redaktion sind begehrte Rückzugsorte. Tontechniker Chris Hoff muss schon wieder zwei Redaktoren, die etwas besprechen wollen, aus seinem Studio komplimentieren. Der Sounddesigner gestaltet nicht nur das tägliche Newsformat „Crosscurrents“ und den entstehenden Podcast „The Stoop“. In seiner Freizeit macht er mit einem Freund von KQED einen eigenen Podcast, den ultrakurzen, das heisst meist nur 90-sekündigen „The World According to Sound“. In der Kürze liegt hier die Würze. Was mich daran erinnert, hier einen Punkt zu setzen. Ich werde später in diesem Blog noch ausführlicher auf einzelne KALW-Produktionen zu sprechen kommen.

Im Publikum an der US-Westküste

Nun bin ich also im gelobten Land der Podcasts, habe mich installiert in einem Riesengrossraumbüro (als Resident bei swissnex San Francisco) und versuche, mit hiesigen Audiomeisterinnen und –meistern in Kontakt zu kommen.

Mir kommt entgegen, dass die Podcaster hier selber den Schritt hin zum Publikum wagen. So tourt der wirblige Glynn Washington, Host des in Oakland produzierten Podcasts „Snap Judgement“ mit einer Liveshow durchs Land. Im historischen Nourse Theatre von San Francisco applaudieren die rund 1500 Zuschauerinnen und Zuschauer frenetisch, wenn der Podcast-Host die Bühne betritt. Das hat mir eindrucksvoll gezeigt, wie viel Personalisierung, Emotion und Publikumsnähe hier dazugehört.

Glynn Washington macht dann nichts anderes, als er am Mikrofon im Studio immer tut: Er erzählt eine wahre (und oft wohl etwas zugespitzte) Geschichte mit Höhen und Tiefen, mit Momenten der Überraschung, Tragik und Komik. Und nach ihm kommen weitere begnadete Storyteller auf die Bühne und erzählen von selbst erlebtem Kindsmissbrauch, von einem Vater, der als Anwalt seine Tochter im Teenageralter mit in den Todestrakt nimmt und sie einem verurteilten Mädchenmörder vorstellt oder von einer übergewichtigen Lesbe, die einen geschenkten Tandemfallschirmsprung nur widerwillig mitmacht und wortwörtlich verkackt. Die Show eignet sich nicht für empfindsame Hörer und Kinder, davor warnen auch die Organisatoren.

Untermalt werden all die Geschichten vom Sound der fabelhaften Bells Atlas, einer jungen Soul-Band aus Oakland, die den auf der Bühne dargebrachten Stories ein veritables, individuelles Sounddesign verpassen. Grossartig. Und schön, dass Snap Jugdement quasi als Weihnachtsgeschenk eine Episode nur mit der Musik dieser Band herausgegeben hat.

Happy Hour mit den Ernsten

Seit fast 40 Jahren gibt es das Centre for Investigative Reporting in Emeryville, dem mit Berkeley und Oakland verschmolzenen Ort gegenüber von San Francisco. Seit zwei Jahren gibt es den Podcast Reveal mit Geschichten aus diesem investigativen Brüter.

Auch die journalistisch Ernsten der Podcast-Branche suchen die Nähe zum Publikum. Ganz neu haben sie begonnen, an niederschwelligen Anlässen ihr Team vorzustellen und Reveal-Hörerinnen und –Hörer kennenzulernen – immer auch auf der Suche nach finanzieller Unterstützung. Selbst wenn man zu den Angesehenen in der journalistischen Podcast-Szene gehört, hört das Fundraising nie auf – das ist in der hochkompetitiven Podcastlandschaft der USA unübersehbar.

Per Zufall habe ich von der allerersten Happy Hour von Reveal erfahren und geselle mich zum bunt gemischten Volk im Hinterhof einer lokalen Brauerei. Der famose Reveal-Host Al Letson freut sich sichtlich über das Interesse eines Schweizer Radiojournalisten an seinem Podcast und lädt mich ins Reveal-Studio ein. Wenn dieser Besuch im neuen Jahr tatsächlich klappt, werde ich hier sicher darüber berichten.

This Wachter und der Reveal-Host Al Letson.

This Wachter und der Reveal-Host Al Letson.

Reveal hat ein überaus erfolgreiches Jahr hinter sich, was das Publikumsinteresse betrifft. Im November ist das Monatsziel von 600‘000 Downloads pro Monat ums Doppelte übertroffen worden (mit 1,2 Millionen Downloads). Rund um die Präsidentschaftswahlen hat Reveal die stillen Trumpwähler ausfindig gemacht und Host Al Letson hat mit seinem Interview mit dem Nationalisten Richard Spencer für Aufsehen gesorgt (mehr dazu in meinem letzten Blogpost).

Reveal kooperiert mit PRX, der Non-Profit-Vertriebsorganisation für Audioinhalte fürs amerikanische Public Radio. Diese Woche hat PRX-Chef Kerri Hoffman dem Podcast-Blogger Nick Quah die Crux eines investigativen Podcasts beschrieben: „Die Podcast-Landschaft ist gedeckt mit leichter Kost. Wir haben uns die Köpfe gekratzt, um Reveal richtig zu positionieren. Im Umfeld des Public Radio, wo oft Brokkoli serviert wird, ist er stark. Doch wie ermuntert man Leute an einer Eiscreme-Party dazu, Gemüse zu essen?“ Die amerikanische Art, in Bildern zu sprechen.

Die Studioleiterin des Centre for Investigative Reporting, Christa Scharfenberg, nimmt im Blog von Nick Quah das kulinarische Sprachbild auf: „Wir machen Reveal so eiscremig wie möglich – mit Al Letson als Host, mit ausgeprägtem Sinn für Charaktere und Schauplätze, mit Humor und Ironie, dort wo es angebracht ist, mit eigenständiger Musik und reichhaltigem Sounddesign und indem wir über mögliche Lösungen der aufgedeckten Probleme sprechen.“ Ein überzeugendes Rezept für gehaltvolle journalistische Podcasts – und das in einem einzigen Satz!

Trump hält Podcaster auf Trab

Erschütterung und Trauer – dies sind die Emotionen, die die Nachwahl-Episoden der journalistischen US-Podcasts bestimmen. Und da ist die verzweifelte Suche nach Erklärungen. Sie führt zu Reportagen und Interviews aus Regionen, in denen Trump viel Sympathie geniesst. Und – wie überall in den Medien – zu Gesprächen mit Fachleuten, die das einordnen, was viele so fassungslos macht.

Einer dieser Journalisten, die schon schon lange Donald Trump kritisierten, ist Jacob Weisberg, Politjournalist und Chef des Online-Verlagshauses „The Slate Group“. Weisberg ist jener, der Trump im Wahlkampf einen eigenen Podcast gewidmet hat, „Trumpcast“. Er hat den republikanischen Kandidaten von allen Seiten beleuchtet, zum Teil mehrmals pro Woche. Und er hat versprochen, mit seinem Podcast so lange fortzufahren, bis Trump von der politischen Bildfläche verschwunden ist.

Jacob Weisberg hat nicht damit gerechnet, dass Trump Präsident werden würde. Aber er hält sein Versprechen und führt seinen Podcast unbeirrt weiter. Das hat Weisberg gleich am Morgen nach der Wahl dem Publikum in diesen Worten kundgetan:

Wie schwarz der Slate-Chef die Zukunft mit Präsident Trump sieht, illustriert die neueste Episode von „Trumpcast“: Jacob Weisberg lässt sich darin von einer putingestählten, russischen Journalistin Tipps geben, wie Journalisten mit einem Autokraten umspringen sollten.

Es werde Licht

Das amerikanische Leben geht weiter, und mit ihm der gewichtige US-Podcast „This American Life“. Das Produktionsteam um den Audio-Star Ira Glass hat in ihrer ersten Episode nach der Wahl unter dem (von Obama inspirierten) Titel „The Sun Comes Up“ einen Strauss von Reaktionen zusammengetragen. Zwei Latino-Polizisten erzählen, warum sie früher Obama und nun Trump gewählt haben. Eine muslimische Frau erklärt, warum sie sich auf New Yorks Strassen seit der Wahl mit dem Kopftuch nicht mehr sicher fühlt und nun einen Hut trägt. Und auf Immigration spezialisierte Anwälte beschreiben, wie nervös zurzeit ihre Klienten sind.

Samtweicher Extremist

In der amerikanischen Gesellschaft rumort es gut hörbar. Einen Geschmack davon gibt auch „Reveal“, der hervorragend gemachte Podcast des „Center for Investigative Reporting“. Beklemmender Höhepunkt der Episode über die verborgenen Trumpwähler ist ein Interview mit dem weissen Nationalisten Richard Spencer. „Reveal“-Host Al Letson führt dieses Gespräch am Tag nach der Wahl, veröffentlicht es gleich danach und bettet es in der folgenden Woche noch etwas ein. Al Letson macht einen grossartigen Job als Interviewer. Dem Nationalisten, der mit samtweicher Stimme extremste Meinungen vertritt (er will die USA zum Staat der europäischen Weissen machen), widerspricht Al Letson auf Schritt und Tritt, bleibt dabei aber immer nahbar und ruhig. Und er macht im Interview auch explizit, wieso er dieses Interview überhaupt führt. Unbedingt nachhören!

Dies war nur ein ganz kleiner Ausschnitt aus dem Nachwahl-Angebot der journalistischen US-Podcasts. Es gäbe unzählige weitere Beispiele, wie die Audioleute auf Stimmenfang nach dem Stimmenfang gehen.

Der BR macht einfach

Etwas quer in der Podcast-Landschaft liegt da – ein unfairer Vergleich, gebe ich zu – eine deutsche Staffel, die ebenfalls vor allem in den USA spielt. Der BR hat die Doku-Serie „Einfach machen“ am Sonntag nach der Wahl gestartet. Ein 26-jähriger Springinsfeld versucht in Hollywood ohne jegliche Erfahrung Schauspieler zu werden. An sich eine hübsche Idee, formal jugendlich-rassig gestaltet, für das Nachwuchspublikum des Jugendprogramms Puls (in Zusammenarbeit mit Bento, dem Angebot von Spiegel Online für die Jungen).

Weil die ganze Staffel vorproduziert ist, kann sie die historischen Vorgänge in den USA nicht aufnehmen. Würde sie wohl auch gar nicht, denn der Protagonist ist als erklärtes Aushängeschild der Generation Y ausreichend auf sich selbst fixiert. Immerhin, mit „Einfach machen“ wagt der Bayerische Rundfunk den Schritt hin zu einem Angebot, das in erster Linie als Podcast konzipiert ist und erst in zweiter Linie im Radio gespielt wird. Und dass der BR dies einfach mal macht, finde ich sehr lobenswert.

Wer hat Kontakte zu Podcastern an der US-Westküste?

Zum Schluss eine Notiz in eigener Sache: Sehr bald werde ich mich ein gutes halbes Jahr in San Francisco (und dem benachbarten Berkeley) inspirieren lassen und ein paar journalistische Experimente wagen. Ich bin gespannt darauf, dieses politisch umgewälzte Land selber zu erleben. Die Podcastszene werde ich weiterhin im Auge behalten und darüber in diesem Blog berichten. Vielleicht gelingt es mir gar, den Blick in eine jener Podcastproduktionsfirmen zu werfen, die an der Westküste beheimatet sind. Wer Beziehungen zu „99 Percent Invisible“, „Snap Judgement“, „Reveal“, „The Kitchen Sisters“ und anderen in der Bay Area hat: Ich bin sehr an Kontakten interessiert!

 

 

 

Die Rheinische Post zeigt Pioniergeist

Deutschsprachige Zeitungsverlage, die auch Podcasts in ihrem Sortiment führen, sind noch rar. Deshalb fällt auf, wer hier Neues wagt. Seit Ende Oktober setzt in Deutschland die Rheinische Post auf Podcasts.

Die regionale Tageszeitung mit Sitz in Düsseldorf und einer Auflage von 290‘000 Exemplaren wird flankiert vom Onlineportal RP Online. Verantwortlich für die neuen Podcasts ist Daniel Fiene, ein erfahrener Radiojournalist und Podcaster, der u.a. das Audiomagazin „Was mit Medien“ bei DRadioWissen moderiert. Bei RP Online trägt Fiene den schönen Titel „Leiter Audience Engagement“.

Im bis jetzt vierteiligen Podcast-Sortiment der Rheinischen Post stechen für mich vor allem zwei Podcasts heraus: Der „Rheinische Post Aufwacher“ und „@Fiene und Herr Bröcker“.

Morgens tönt es noch sehr nach Radio

Mit dem „Aufwacher“ will die Rheinische Post laut Pressemeldung jene Leser erreichen, „denen die Zeit am Frühstückstisch mal wieder davongelaufen ist und jene, denen Sicherheit auf der Fahrt ins Büro wichtiger ist als der Blick aufs Smartphone“. Der „Aufwacher“ ist ein rund zehnminütiges Nachrichtenmagazin mit den wichtigsten Themen des Tages, in der RP-Sprache „ein akustischer Nachrichtenüberblick“. Um 7 Uhr liegt er zum Download bereit.

Formal und inhaltlich unterscheidet sich der „Aufwacher“ kaum von einem Nachrichtenmagazin einer Radiostation. Der Moderator hat einen hohen Redeanteil, Auflockerung bringt zwischendurch ein Gespräch mit einem Korrespondenten, zum Beispiel über die auffallende Ruhe in Los Angeles eine Woche vor der alles entscheidenden US-Präsidentschaftswahl.

Der „Aufwacher“ mag im Düsseldorfer Medienangebot eine Lücke schliessen für jene, die beim morgendlichen Pendeln in 10 Minuten über das Wichtigste informiert werden möchten. Doch so richtig neu tönt dieser Podcast für mich nicht (vielleicht ist das aber bereits schon Ausdruck meiner Déformation professionnelle, nach mehreren Jahren als Produzent eines Newsradios). Auch Daniel Fiene ist noch nicht ganz zufrieden und räumt mir gegenüber ein: „An dieser Schraube wollen wir noch drehen.“ Er experimentiert zum Beispiel damit, die Aufzeichnung live auf Facebook zu übertragen.

Authentischer Chefredakteur

Erfrischend keck und informativ finde ich hingegen „@Fiene und Herr Bröcker“. Hier unterhalten sich Daniel Fiene und der Chefredakteur der Rheinischen Post, Michael Bröcker, am Freitag über die Highlights der vergangenen und der kommenden Woche und gewähren Einblick hinter die Kulissen der Redaktionsarbeit.

Für mich ist vor allem letzteres ein Mehrwert – ich bin überzeugt, dass das Publikum sehr daran interessiert ist zu erfahren, wie eine Geschichte oder ein Interview entsteht. Wenn Michael Bröcker aus seiner Warte erzählt, wie er die Begegnung mit dem grünen Abgeordneten Anton Hofreiter erlebt hat und dann noch eine Sequenz seiner Interviewaufnahmen abspielt, dann ergänzt dies perfekt das Lesen des Interviews in der Zeitung.

„@Fiene und Herr Bröcker“ ermöglicht der „Rheinischen Post“ auch, Perlen oder Aufreger aus der Zeitung zu beleuchten (und so auch zusätzlich zu promoten). Beispiel aus der ersten Sendung: Die Hintergründe zum Interview mit einem Einbrecher, das offenbar bei Lesern und anderen Medien für ziemlich grosses Aufsehen gesorgt hat. Im Gespräch mit dem Chef erzählt der Redaktionskollege, wie es zu diesem Interview gekommen ist und zeigt, dass es manchmal Sinn macht, eine Idee weiterzuverfolgen, über die in der Redaktionskonferenz anfänglich alle nur lachen.

Was „@Fiene und Herr Bröcker“ besonders attraktiv macht, ist die aufgeräumte Stimmung des Talks. Da wird sofort hörbar: Die zwei verstehen sich sehr gut, sprechen dieselbe Sprache, teilen Humor und Ironie, sind schlagfertig – mit dem Ergebnis, dass da ein Chefredakteur sehr authentisch und kollegial rüberkommt. Das bringt Nähe zum Hörer und damit auch zum Leser.

Ein solcher Podcast wäre nicht mit jedem Chefredakteur möglich. Der erst 39-jährige Michael Bröcker bringt hörbar jene Offenheit mit, die es für einen solchen Auftritt braucht. Der Blick in seine beruflichen Stationen zeigt, dass er beruflich teilweise in den USA sozialisiert worden ist.

Die Rheinische Post auf die Podcast-Schiene zu schieben sei zuerst einmal Bröckers Anliegen gewesen, sagt Daniel Fiene. „Ich hatte als Podcaster der ersten Stunde vielleicht zu sehr mit dem Thema abgeschlossen, aber als Michael es wollte, habe ich mich dann an die Konzepte gesetzt und bin von Tag zu Tag begeisterter.“

Ob sich die Podcasterei für die Rheinische Post lohnt, ist noch offen. Am ersten Wochenende gab es laut Fiene 8000 Abrufe. Nach einer Woche seien noch mal 12‘000 dazugekommen. „Das war ein toller Erfolg, denn wir hatten noch gar kein Gefühl, wie viele zu Beginn bei einer Nachrichtenseite Podcasting nutzen.“ Noch wichtiger sei, dass die Rheinische Post davon ausgehe, damit neue Nutzer zu erreichen. „Was aber vor allem toll ist: Wir können jetzt erst mal viel ausprobieren.“

Podcast-Ausbau trotz Newsroom-Sparen?

Experimentieren und beobachten - damit ist die deutsche Regionalzeitung in guter Gesellschaft. Denn auch der Blick in die USA zeigt, dass selbst die ganz grossen Zeitungsverlage, die auf Podcasts setzen, noch nicht so genau wissen, was dabei herausschauen wird.

Aufschlussreich ist eine Kolumne von Liz Spayd in der New York Times. Spayd ist als Public Editor Bindeglied zwischen Leserschaft und Redaktion. Sie hat die Aufgabe, ein Auge auf die journalistische Qualität zu haben und äussert ihre Beobachtungen frank und frei im Blatt. Im kürzlich erschienenen Editorial über die inzwischen halbjährigen Podcast-Aktivitäten der NYT nimmt sie sich der Frage an: Warum soll die NYT in Podcasts investieren, wenn die Zeitungsredaktion dermassen unter Spardruck steht?

Liz Spayd referiert dann die gängige Antwort der Podcastverantwortlichen im Haus: Audio sei Teil der Zukunft, weil es Junge anlocke, die nicht typischerweise NYT-Abonnenten seien. Die Hoffnung liege darin, die Jungen mit den Gratis-Podcasts später zu zahlenden Abonnenten zu machen. Die ersten Beobachtungen seien viel versprechend. So erreiche der Podcast zur Präsidentschaftswahl, „The Run-Up“, das jüngste Publikum, das ein Times-Produkt je erreichte. Und viele Hörer blieben sogar länger am Podcast hängen als manche Leser an Artikeln. Podcasts eigneten sich als Mittel, einen dialogischeren und persönlicheren Journalismus zu betreiben. In der NYT gebe es viele Talente, die ihre Persönlichkeit in Podcasts noch besser rüberbringen könnten als durch Artikel.

Doch die Hausethikerin Liz Spayd gibt zu bedenken, dass das Publikum von Podcasts immer noch winzig sei im Vergleich zum gesamten Publikum der Times. „Wenn man Toptalente aus dem Newsroom abzieht, um ein winziges Publikum zu bedienen, muss man sich bewusst sein, dass diese Journalisten weniger von dem machen, was sie bisher getan haben.“

Alles in allem befürwortet Liz Spayd jedoch, dass die New York Times mit einem nur fünfköpfigen,  schlagkräftigen Podcast-Team in die Audio-Sphäre vorstösst. Das werde den Qualitätsjournalismus der Times beleben, auch jener der Zeitung.

Ob das Anködern von jungen Hörern künftig neue Zeitungsabonnenten bringe, sei unsicher. Und dass die Podcasts zu einer sprudelnden Einkommensquelle werden, sei unwahrscheinlich. „Manchmal aber sind die journalistischen Gründe gut genug."
 

Storycalling

Der Bayerische Rundfunk BR begibt sich auf Neuland. Erstmals schreibt er öffentlich einen „Wettbewerb für gute Geschichten“ aus. Auf der entsprechenden Webseite heisst es: „Wir wissen: da draußen gibt es viele kreative Menschen, die eine außergewöhnliche Idee mit sich herumtragen und denen bisher der Partner fehlt, sie zu verwirklichen. Mit unserem 'Call for Podcast' suchen wir nach genau diesen Konzepten und ihren Schöpfern."

Das Verfahren läuft zweistufig. Ende Jahr ist Einsendeschluss der Ideen. Dann erhalten die besten Konzepte (die Anzahl lässt der BR offen) den Auftrag und das Geld, um einen Piloten zu produzieren. Eine so genannte Crowd-Jury von bis zu 50 interessierten Leuten entscheidet dann, welche drei Projekte eine mehrteilige Staffel realisieren können - finanziert, begleitet und unterstützt durch den BR.

Meine erste Reaktion auf diese Kampagne: Cool, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender diesen unkonventionellen Schritt nach aussen wagt. Und offenbar erkennt, dass Innovation von innen nicht ausreicht.

Doch einige Radioleute und Podcaster kommentieren das Vorgehen des BR kritisch. So hat auf Facebook die umtriebige (und Radioinnovationen gegenüber sehr aufgeschlossene) Hörfunkerin Sandra Müller zwar zuerst auch positiv reagiert („Wow! Endlich. Gut!“), später aber nachgereicht: „Je länger ich ich drüber nachdenke, desto kurioser finde ich es.“ Sie findet, erstmal müsste ein öffentlich-rechtlicher Sender doch seine eigenen Autoren und freien Mitarbeiter nach deren guten Ideen fragen.

Das Eine tun und das Andere nicht lassen, entgegnen Diskussionsteilnehmer. Einer findet trotzdem, es sei etwas billig, wie der BR so auf bessere Ideen kommen wolle.

Kritik kommt auch von der freien Podcasterszene. Das hat sich an der kürzlichen Tagung „Subscribe 8“ gezeigt, die sinnigerweise in den Konferenzräumen des BR in München stattgefunden hat. Die Botschafter der offenen Netzwelt stören sich vor allem daran, dass der BR beim „Call for Podcast“ mit der Streaming-Plattform Spotify zusammenarbeitet. Sie sehen die Autonomie der freien Podcastwelt bedroht, wenn sich ein öffentlich-rechtlicher Sender mit solchen Riesen ins Bett legt.

Ob dieser Kritik und Skepsis hat mich interessiert, wie die Verantwortlichen des BR ihre Aktion begründen.  An der „Subscribe 8“ machte der BR seinen Wettbewerb erstmals publik. Ich war zwar dann nicht in München, doch habe ich den Auftritt von Verena Thies und Michael Reichert, die beim BR das Radio der Zukunft entwickeln, auf Youtube nachgeschaut.

„Von der Seite her anpiksen“

Meine Schlussfolgerung sei vorweggenommen: Ich bleibe bei meinem ersten Urteil, finde den Wettbewerb ein lohnenswertes öffentlich-rechtliches Experiment und kann nachvollziehen, warum es zu dazu kam.

Die Grundaussage von BR-Mann Michael Reichert kann ich voll unterschreiben: „Sendungen am Anfang und am Ende schneiden und ins Netz stellen – das kann es nicht mehr sein.“ Das laufe zwar, wenn man die Anzahl Downloads sehe, sehr gut. „Aber wenn man das mit dem Label ‚Radio der Zukunft‘ betrachtet, dann brauchen wir andere Workflows. Wir müssen da ran und wir wollen da ran.“ Es sei gar nicht einfach, dies in den öffentlich-rechtlichen Häusern zu kommunizieren. Und Verena Thies ergänzt: „Bis in einem so grossen Haus wie dem BR ein Workflow verändert wird, kann das dauern.“

Den „Call for Podcast“ sieht sie denn „als Möglichkeit, das vielleicht etwas abzukürzen oder von der Seite her anzupiksen.“ Sie ist überzeugt, dass die Offenheit gegen aussen mehr bringt. „Wir wollen nicht in unserem Funkhaus in einem Sitzungszimmer einige Tage überlegen, was für tolle Podcast-Ideen wir entwickeln können.“

Für Michael Reichert ist es die Denke der Zukunft, von neuen Podcast-Ideen auszugehen, „den Vorgang mal umzudrehen und dann zu überlegen, in welche Sendung dieses Format passt.“

(Podcast zuerst, Radiosendung später: Wie gut dies funktionieren kann, hat der österreichische Audiojournalist Lothar Bodingbauer an der „Subscribe 8“ eindrücklich präsentiert.)

Lieber mit Spotify als mit der ARD

Während der BR mit dem Podcast-Wettbewerb Neuland betritt, begibt er sich offensichtlich in Grauzonen des Rundfunkstaatsvertrags. So verbiete es dieser, auf der Wettbewerbsseite zu kommunizieren, dass Spotify mit an Bord sei, sagt Verena Thies.

Vor der versammelten Podcast-Szene plaudert sie aus, dass es auch „im BR Leute gibt, die Spotify als die Ausgeburt des Bösen halten.“ Doch für Michael Reichert ist klar: „Ohne Distribution geht es nicht mehr. Wir müssen auf Plattformen präsent sein, wo unsere Zielgruppen sich bewegen.“

Auf die Frage, warum man nicht innerhalb der ARD eine öffentlich-rechtliche Podcast-Plattform baue, sagt Verena Thies vieldeutig: „Es ist in der ARD noch nie einfach gewesen, gemeinsame Standards zu finden.“ Die Schwierigkeiten, in Rundfunkanstalten Neues beliebt zu machen, potenzieren sich im ARD-Netzwerk.

Die beiden Wettbewerbsverantwortlichen haben also vor allem auch intern noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Der Schritt gegen aussen mit dem „Call for Podcast“ soll ihnen dabei helfen. Und wer öffentlich-rechtliche Sender von innen kennt, sieht durchaus eine erfrischend subversive Note an diesem Wettbewerb.

PS: Die Amerikaner sind bereits einen Schritt weiter als der BR. In einem ganz ähnlichen Wettbewerbsverfahren (mit integriertem Workshop) hat NPR gerade diese Woche die drei ersten Podcast-Teams bestimmt, die nun einen Piloten produzieren. Die zweite Ausschreibung läuft bereits.

 

Der Sound ist mehr als Garnitur

Ist in einem Audiostück von einem singenden Vogel die Rede und dann hört man sogleich einen, sträuben sich bei Brendan Baker die Nackenhaare. Der Sounddesigner und Produzent des Podcasts „Love+Radio“ und Berater von vielen anderen Top-Produktionen hat immer das Ziel, „solchen Didaktizismus zu vermeiden.“

Ende September hat er dies in Potsdam am MIZ Radio Innovation Day an einem Workshop eindrücklich betont. Der Sound sei eng mit dem Text verknüpft, beides bedinge einander: „Der Sound ist eine Erweiterung des Textes.“

Anhand eines Hörbeispiels machte Brendan Baker deutlich, dass der gleiche O-Ton-Track mit drei unterschiedlichen Soundteppichen jeweils beim Publikum drei verschiedene Interpretationen auslöst – der Sound steuert die Emotionen der Geschichte zentral mit.

Sound sei nicht die Schokostreusel-Garnitur, sondern integraler Teil eines Kuchens. „Der Sound muss einem Konzept folgen.“ Immer müsse man dabei experimentieren und Feedback einholen. Jeder und jede höre den Sound wieder auf eine andere Art – und empfinde dabei oft unterschiedliche Emotionen.

Wer sich fürs Technische interessiert: Brendan Baker schwört auf die Audio-Software Reaper. Wenn ein Fachmann und preisgekrönter Sounddesigner wie er so etwas sagt, lohnt sich ein Versuch. Es gibt also noch eine weitere Variante neben Hindenburg, Audacity und Konsorten.

Come with me!

Was in den News kurz aufpoppt, ist dem Podcast „Embedded“ eine aufwändige Recherche wert. Der seit diesem Jahr existierende Podcast ist eine von über dreissig NPR-Produktionen, die gesamthaft in den USA rund 8,5 Millionen Hörerinnen und Hörer erreichen. Wenn die Newssender kurz über ein neues HIV-Problem im US-Staat Indiana berichten, macht sich „Embedded“ auf den Weg dorthin und ist selbst dann dabei, wenn sich die Junkies mit verunreinigten Spritzen einen Schuss setzen. Um der hohen Suizidrate in Grönland auf den Grund zu gehen, lebt eine Reporterin drei lange, dunkle Wintermonate in einem dortigen Dorf.

Host Kelly McEvers, die bei NPR auch die Radiosendung „All Things Considered“ moderiert, hat letzte Woche am MIZ Radio Innovation Day in Potsdam aus dem Nähkästchen von „Embedded“ geplaudert. (Wer mehr über Kelly McEvers' eigene Erfahrungen als Kriegsreporterin wissen möchte, dem empfehle ich ihr eindrückliches Audio-Tagebuch auf transom.org.)

Ein wichtiges Merkmal ihrer Art, Geschichten zu erzählen, sei Authentizität, sagte Kelly McEvers in Potsdam. Ganz wichtig: Die Autorin gebe den Blick frei hinter die Kulissen einer Geschichte. Als recherchierende, hinterfragende, kommentierende Person sei sie Teil der Geschichte. „Come with me!“, lautet die Einladung ans Publikum. Als Spannungsbogen eigne sich in der Regel eine Schlüsselfrage, die die Hörer gefangen nehme und die Schritt um Schritt beantwortet werde. Wie lautet die Frage, die durch die Story trägt, will Host Kelly McEvers denn auch von jenen wissen, die bei "Embedded" Geschichten unterbringen möchten.

Wer eine Geschichte anrecherchiere, müsse sich unbedingt von seinen ersten Fragen leiten lassen. Sie selber notiere sich diese jeweils, damit sie sie nicht aus den Augen verliere. „Die initiale Neugierde darf nicht verloren gehen.“

40 Stunden Aufnahme
für 30 Minuten Sendung

Authentisch erzählen zu können bedingt, in jeder Situation bei der Entstehung einer Geschichte das Mikrofon angeschaltet zu haben. „Wir nehmen immerzu auf. Für eine 30-minütige Story kommen da gut und gern 40 Stunden Aufnahmen zusammen.“

Ebenso wichtig sei es, einen völlig normalen Ton anzuschlagen. „Ich erzähle meine Geschichten so, wie wenn ich sie meinen Freunden erzählen würde.“ Ist das also das Geheimnis der so locker und natürlich klingenden amerikanischen Podcasts? Davon auszugehen, dass Hosts wie Kelly McEvers alles frei formulieren, ist allerdings falsch. Sie tue das nur teilweise. Den Start in die Sendung schreibe sie jeweils auf und wiederhole dann die Aufnahme meist unzählige Male, bis es so authentisch klingt, wie wenn sie es ihren Freunden erzählen würde.

Übrigens: Seit Juni ist keine neue „Embedded“-Episode mehr erschienen. Muss man sich um den Podcast Sorgen machen? Mir gegenüber versichert Kelly McEvers, die nächste Episode komme bestimmt. Aber die Leute von NPR hätten momentan nur die Präsidentschaftswahlen im Kopf.

Öffentlich-rechtliche Podcast-Serie

„Radio at its best“, „das deutsche Serial“: Berufskollegen halten mit Lob für die siebenteilige Podcast-Serie „Der talentierte Mr. Vossen“ nicht zurück. Der Reporter Christoph Heinzle von NDR Info zeichnet darin den dubiosen Werdegang eines deutschen Textilunternehmer-Sprösslings nach. Dessen Charme leerte etlichen wohlhabenden Londonern das Portemonnaie. Seit dem Frühjahr sitzt er in der Schweiz in Untersuchungshaft, wegen mutmasslichen Millionenbetrugs. Der Aufstieg und Fall des zugleich schillernden wie unfassbaren Felix Vossen war im letzten Jahr von der Schweizer Sonntagszeitung aufgegriffen worden und ist dem NDR nun – nach Vossens Verhaftung – eine Hörserie wert.

Die sieben rund 20-minütigen Episoden habe ich mir am letzten Wochenende angehört und mich dabei nie gelangweilt. Ausschliesslich begeistert wie meine Berufskollegen bin ich trotzdem nicht. Aber zuerst mal das aus meiner Sicht Positive, und da gibt es viel Gewichtiges:

  • Eine öffentlich-rechtliche, deutschsprachige Rundfunkanstalt ermöglicht einem erfahrenen Reporter eine aufwändige Podcast-Serie zu recherchieren und zu realisieren. Super!
  • Reporter Christoph Heinzle schafft es, einen Mann zu porträtieren, mit dem er nie sprechen konnte. Auch rundherum trifft Heinzle auf eine Mauer des Schweigens. Und dennoch lässt sich der Reporter nicht von seinem Pfad abbringen. Und macht damit deutlich: Die Auskunft zu verweigern schützt nicht vor einem journalistischen Porträt.
  • Er reist an alle Schauplätze, sucht hartnäckig nach Leuten aus dem weiterem Umfeld, die etwas wissen und dies auch (in technisch hoher Qualität) sagen. Er beschreibt Orte und Menschen so, dass sich im Kopf des Hörers ein Bild ergibt.
  • Die Dramaturgie der Serie ist nachvollziehbar: Sie beginnt mit der Flucht und zeichnet dann wichtige Stationen aus Vossens Leben nach. Quasi krönender Abschluss ist die Verhaftung in Spanien und die Auslieferung in die Schweiz.

Und was habe ich dennoch zu mäkeln?

Für meinen Geschmack hört man der Podcast-Serie noch etwas stark die Feature-Tradition des öffentlich-rechtlichen Radios an:

  • Der Erzählton ist recht schriftlich: Der Autor liest sein durchdachtes und wohl formuliertes Manuskript, verständlich und angenehm – aber eben so, wie man es sich vom althergebrachten Radio gewohnt ist. Dabei würde sich die Geschichte sehr gut für das freiere, dialogischere Erzählen eignen, das man von den Top-Podcasts aus den USA kennt, wie z.B. von „This American Life“. Ich sage dies so leichtfertig, wohlwissend, wie enorm schwierig es ist, diesen Stil ins deutschsprachige Audio zu bringen. Aber wenn ich den NDR-Reporter in einzelnen Sequenzen seiner Serie in Recherchesituationen höre, dann tönt er für mich genau so spontan und locker, wie ich ihn hören möchte, wenn er die Geschichte erzählt.
  • Die Struktur der Geschichte (neudeutsch: das Storytelling) ist noch recht konventionell. Zwar ist sie kurzweilig, aber so richtig Spannung (wie z.B. bei "Serial") kommt selten auf. (Ich gebe zu, dass ich das Rezept für den idealen Spannungsbogen dieser Story so schnell mal auch nicht vorlegen könnte.)
  • Der minütige Vorspann macht in der Start-Episode noch Sinn (und tönt dort wirklich gut), wird aber in den nachfolgenden Episoden ein Ärgernis, was mich dazu führt, jeweils ungeduldig die Stelle nach knapp 60 Sekunden anzupeilen, wo es dann richtig los geht. Auch den Abspann mit der weiblichen Off-Stimme tönt mir zu steif. Da würde ich lieber den Autoren hören, wie er selber die Beteiligten erwähnt.
  • Ohne die genauen Produktionsbedingungen beim NDR zu kennen, scheint es mir, dass noch nicht ganz in letzter Konsequenz auf die Podcastform gesetzt wird. Es muss dann doch noch ein einstündiges Radiofeature sein (am 2. Oktober um 11.05 Uhr) und die Serie kommt (in der jetzt laufenden Woche) zusätzlich als Radio-Serie daher. Das hängt wohl immer auch mit dem Auftrag zusammen, den solche öffentlich-rechtlichen Stationen zu erfüllen haben.

Trotz der einzelnen Kritikpunkte ist meine Freude über eine solche deutschsprachige, journalistisch ausgezeichnete Podcastserie gross. Fällt euer eigenes Urteil und hört euch den „talentierten Mr. Vossen“ selber an!

Ex-Kriegsreporter trifft Optimisten

Ich hätte nicht gedacht, dass mich der Werdegang einer Unterwäsche-Unternehmerin einmal interessieren könnte. Doch der neue Podcast „How I Built This“ schafft es, dass ich eine knappe halbe Stunde lang zuhöre. In der ersten Episode von Anfang September spricht Gastgeber Guy Raz mit Sara Blakely. Sie hat mit 27 Jahren noch Faxgeräte verkauft und ist nun im Alter von 45 Jahren Milliardärin. Die Gründerin des Unternehmens „Spanx“ hat sich eine goldene Nase verdient mit dem Traum vieler, schlanker auszusehen, als sie sind. Die von Blakely erfundene elastische Unterwäsche zurrt den Körper offenbar angenehm in vorteilhaftere Proportionen.

Guy Raz hat sich mit diesem Podcast unter dem Dach von NPR zum Ziel gesetzt, mit Stars der Unternehmerszene hintergründige Gespräche zu führen. Er blickt auf die Anfänge von deren Erfolg zurück, spricht über Rückschläge und wählt dabei einen sympathischen Mittelweg zwischen freundschaftlichem Plaudern und journalistischer Distanz.

So erzählt Sara Blakely, wie hartnäckig sie dafür geschaut hat, dass ihre Unterwäsche in den Geschäften ein Renner wurde: Sie bezahlte Bekannte dafür, dass diese die Regale leerkauften. Und in der zweiten Episode mit den Instagram-Gründern Kevin Systrom und Mike Krieger erfährt man viel über den ziemlich unbedarften Start dieser Silicon Valley-Sprösslinge und wie viel Glück dabei sein muss, unter all den App-Tüftlern bei Investoren aufzufallen.

So nah dran an den ganz Grossen der amerikanischen Innovationsszene ist man selten. Dass der Podcast auch formal gestalterisch schön gemacht ist, gehört zum NPR-Standard.

Podcasts müssen Evergreens sein

Guy Raz selber gehört zu den ganz Grossen der Podcastszene. Seit 2012 moderiert er die „TED Radio Hour“ (ebenfalls von NPR). Dieser Podcast ist ein thematischer Zusammenzug aus verschiedenen TED-Talks und Interviews. Er wird wöchentlich 2,2 Millionen mal heruntergeladen.

Auf die Idee von „How I Built This“ habe ihn Louis Malles Film „My Dinner with Andre“ (aus dem Jahr 1981) gebracht, sagt Guy Raz in einem Interview mit der Bloggerin Dana Gerber-Margie. Der Film besteht aus einem eineinhalbstündigen, packenden Gespräch zweier Männer in einem Restaurant. Und genau diese Anlage ist das Vorbild für Guy Raz‘ neuen, wöchentlichen Podcast.

„Radio ist wie Twitter, Podcasting nicht“

Raz‘ Fundament als Interviewer ist eine langjährige Karriere als News-Journalist. Bereits mit 25 leitete er das NPR-Büro in Berlin. Er war Kriegsreporter im Balkan, in Afghanistan und im Irak. Nach all den Jahren, in denen er über Konflikte und Tragödien berichtet hatte, sei er nun froh, in seinen Podcasts mit optimistischen und kreativen Menschen zu tun zu haben. Und das Publikum, das er damit anspricht, ist nicht kleiner.

Was denn für ihn der Unterschied zwischen Radio und Podcast sei, will Dana Gerber-Margie von Guy Raz wissen. Er sagt: „Die Zukunft von Radio, sehr ähnlich wie beim Fernsehen, liegt in den News. Da ist eine Unmittelbarkeit drin, die das Podcasting nicht erreicht.“ Podcasts müssten auch beim Zwiebeln schneiden oder beim Joggen funktionieren. "Ein guter Podcast muss ein Evergreen sein." Guy Raz ist denn auch überzeugt, dass Radiogefässe, die nicht unmittelbar an News gebunden sind – Features, Hintergrundinterviews, thematische Schwerpunkte etc. - , immer mehr in die digitale Audiowelt der Podcasts abwandern. „Radio ist wie Twitter, Podcasting nicht“.

 

Boom in den USA

Das Jahr 2016 ist Startpunkt einer neuen Podcast-Welle. Der Markt mit on-demand Audios kommt in den USA so richtig in Fahrt. Eine fünfteilige Serie des Publizisten und Podcast-Experten Ken Doctor auf der Website des Nieman Journalism Lab analysiert eindrücklich den gegenwärtigen Markt. 

Ich kann es kaum verhindern: Will ich über Podcasts sprechen, wird mein Blick unweigerlich über den Atlantik gezogen.

Bevor ich mich aber auf Ken Doctor beziehe, möchte ich kurz in Europa bleiben, mit einem Werbespot auf die neueste Episode des deutschen Podcasts „Systemfehler“ aus dem Stall des Labels „Viertausendhertz“. Genauer gesagt handelt es sich dabei um eine überarbeitete Fassung aus dem Jahr 2014. Die Episode „Die Relaismotte“ ist für mich ein wertvoller Beleg, dass auch im deutschsprachigen Raum Podcasts möglich sind, die den guten Beispielen aus den USA nicht nachstehen. Christian Conradi (geborener Grasse) erzählt fundiert, aber locker, und schafft es, mit den zahlreichen O-Tönen und den ästhetisch überzeugenden Soundelementen laufend neu zu überraschen. Und die Story über die Computerpionierin Grace Hopper ist wirklich gut. Ich bin ja kein IT-Freak, aber ein solcher Podcast zieht mich in den Bann. Ich wollte von Christian Conradi mehr darüber erfahren, wie ein solch aufwändig gestalteter Podcast realisier- und vor allem finanzierbar ist. Im Moment könne er darauf nicht antworten, meldet er. Er sei, neben Elternzeit, voll mit der Produktion von neuen Episoden beschäftigt. Da können wir uns ja freuen.

Nach diesem Hörtipp nun also der Schwenker in die USA. Dort kommt Podcast-Experte Ken Doctor in seinem Übersichtsdossier zum Schluss: „2016 ist der Podcast-Markt erwachsen geworden.“

Ken Doctor hat mit vielen Podcast-Insidern gesprochen, darunter Jake Shapiro, Mitgründer von PRX (Public Radio Exchange) und von RadioPublic. Shapiro sieht das Podcasting momentan auf der dritten Welle. Die erste Welle war 2004-2006, als Apple mit iTunes erstmals Podcasts einband. Der Markteintritt des iPhones brachte um 2008 die zweite Welle. Und seit 2014, als die Podcast-Reihe „Serial“ das Massenpublikum erreichte, brach die dritte Welle an.

Diese dritte Welle werde durch folgende Faktoren noch weiter angestossen:

  • Spotify und Pandora stimmen eine neue Publikumsgeneration auf bezahltes On-Demand-Hören ein.
  • Netflix und andere erproben neue Abo-Modelle.
  • Vernetztes Wohnen und das vernetzte Auto werden Realität.
  • Es hat sich quasi über Nacht eine kritische Masse von Storytelling-Talenten entwickelt.
  • Das Smartphone ist am wichtigsten geworden für den Podcast-Zugang. 71 Prozent aller Podcasts werden in den USA mit dem Smartphone gehört (vor drei Jahren waren es noch 42 Prozent).

Weitere Argumente bietet der Werbemarkt. Ken Doctor schreibt: „Der Podcast-Werbemarkt hat letztes Jahr um 48 Prozent zugenommen, bis 2020 wird ihm ein jährliches Wachstum von 25 Prozent vorausgesagt, was dann einem jährlichen Ertrag von knapp einer halben Milliarde Dollar entsprechen wird.“ Das ist immer noch bescheiden, wenn man diesen Betrag mit dem 14 Milliarden Dollar schweren Werbegeschäft des kommerziellen Radios vergleicht. Experten wie Ken Doctor gehen aber davon aus, dass das Podcasting genau dort Werbemittel absaugen wird. Denn schon heute sehe man im Podcasting: „Sechsstellige Werbeaufträge, bis vor kurzem noch selten, sind nun alltäglicher geworden.“

57 Millionen Menschen hören in den USA monatlich mindestens einen Podcast. Insider wie Jake Shapiro rechnen damit, dass dieses Jahr 10 Millionen neue Hörerinnen und Hörer dazustossen. Das potenzielle Publikum in den USA wird auf 230 Millionen Menschen geschätzt. Bei dieser Zahl wird einem sofort klar, dass hier mit anderen Ellen gemessen wird als im sprachenvielfältigen Europa.

Und doch sind auch in Deutschland rund 45 Millionen Menschen über 14 Jahren täglich online. Ein Potenzial gäbe es also im deutschsprachigen Raum. Gerade diese Woche zeigt sich das in einem Lichtblick aus dem Werbemarkt. Die Werbevermarkterin der ARD, die AS&S, vertreibt nun auch Werbung für das Podcastlabel „Viertausendhertz“. Ob es uns Journalisten passt oder nicht, solche Meldungen sind gute Nachrichten für all jene, die ein Herz für Podcasts haben.

Printverlage entdecken Podcasts

Zwischen der englisch- und der deutschsprachigen Printmedien-Welt tut sich ein Podcast-Graben auf. Diesen Eindruck bekomme ich, wenn ich einerseits sehe, was auf der anderen Seite des Atlantiks so alles läuft und andererseits auf Schulterzucken stosse, wenn ich herausfinden möchte, was deutschsprachige Zeitungsverlage in Sachen Podcasts unternehmen. Wer weiss von Podcastprojekten bei Medienhäusern in Deutschland, Österreich oder der Schweiz? Sachdienliche Hinweise nehme ich sehr gerne entgegen! Auch über allfällige Gründe, auf Podcasts zu verzichten (zum Beispiel finanzielle).

Im englischsprachigen Raum gehören Podcasts jedenfalls mehr und mehr zum Portfolio eines Printmedienhauses. Zwei aus meiner Sicht sehr gelungene Beispiele, die ich kürzlich für mich entdeckt habe:

  • „The Story“ vom britischen „Guardian“, realisiert durch Rebecca Lloyd-Evans, die kürzlich in einer berührenden Episode ihre Grossmutter auf die letzte Reise in deren Geburtsstadt Frankfurt begleitet hat.
  • "The Esquire Classic Podcast", der das riesige Archiv des traditionsreichen US-Männermagazins „Esquire“ hörbar macht. In der jüngsten Episode „The Falling Man“ spricht Host David Brancaccio mit dem Journalisten, der 2003 eine Reportage über jenen Mann geschrieben hatte, der am 11. September 2001 vom World Trade Center in den Tod gesprungen ist – das Foto vom Moment seines Sturzes war eine der Bild-Ikonen dieses traumatischen Tages.

Auch bei den ganz Grossen des US-Mediengeschäfts bewegt sich etwas in Richtung Podcasts. Nachdem die „Washington Post“ dieses Jahr mit dem historischen Podcast „Presidential“ begonnen hat (in 44 Episoden leben darin alle bisherigen US-Präsidenten nochmals auf), stossen nun dort noch mehr Podcasts dazu.

Im Gegensatz zur “New York Times”, in der laut dem Podcast-Blogger Nicholas Quah mindestens sechs Vollzeitangestellte das Podcast-Team bilden, arbeitet die “Washington Post” mit nur einer eigentlichen Audioproduzentin. Nicholas Quah hat mit der verantwortlichen Redaktorin Jessica Stahl gesprochen. Sie begründet den Schritt der “Post” hin zu Podcast so: “Der erste Faktor ist das Interesse an dieser Art von Storytelling. Wir haben Leute in unserem Newsroom, die selber Podcasts hören und die Erfahrung mit diesem Medium lieben. Und unter ihnen gibt es einige, die sich selber zutrauten, so etwas zu machen.“ Der zweite Grund sei der Erfolg von „Presidential“ gewesen, der innerhalb von zwei Monaten bereits über eine Million Downloads gebracht habe. „Das zeigt, es gibt ein bedeutendes Publikum, wenn man es richtig macht.“

Wie denn die „Washington Post“ den Erfolg mit den Podcasts messe, will Blogger Nicholas Quah wissen. Jessica Stahl räumt ein, dass hier noch nicht die grossen Zahlen zählen. Das Audioteam gehe momentan sehr intuitiv vor. Das Ziel sei es, schnell reagieren zu können und auch mal wieder ein Projekt fallen zu lassen. „Manchmal sagen grosse Zahlen aus, dass etwas funktioniert, und manchmal weiss man, es hat funktioniert, weil es wirklich etwas verändert hat.“ Das sei vergleichbar mit dem Erfolg einer grossen Reportage in der Zeitung.

Das klingt ganz nach dem häufig erwähnten amerikanischen Mut zum Risiko. Doch es wird sicherlich nicht lange gehen und dann wird auch in der „Washington Post“ abgerechnet. Ich bleibe dran.

Sonstige Trouvaillen

„Remarkable Lives. Tragic Deaths”, ein aufwändig gestalteter Podcast über das Leben und Sterben so unterschiedlicher Persönlichkeiten wie Kurt Cobain, Mahatma Ghandi, James Dean oder Napolean Bonaparte. Produziert von Parcast, einem Vater-und-Sohn-Unternehmen aus Los Angeles, USA.

“Science Vs” ist ein Wissenschaftspodcast der Australierin Wendy Zukerman. Die Episode „The G-spot“ geht dem Mythos des G-Punktes nach, hemmungslos direkt, wissenschaftlich fundiert und historisch aufschlussreich. Aufklärung und Factchecking vom Feinsten. In anderen Episoden geht es um Bio-Food, Fracking oder die gesetzliche Kontrolle von Waffenbesitz.

Zukunftsmusik

TED plant einen neuen Podcast. Die TED-Organisation ist die weltgrösste Ideenfabrik. 1984 als Innovationskonferenz in Kalifornien entstanden, verbreitet TED heute Ideen in über 100 Sprachen, vorgetragen von Menschen mit vielfältigstem Hintergrund (nicht mehr nur aus Technologie, Entertainment und Design, was TED ursprünglich den Namen gab). Formales Kennzeichen der TED-Talks: Sie sind nie länger als 18 Minuten. Die Talks sind vor allem auf Youtube ein Renner. Doch auch als Podcast in Koproduktion mit National Public Radio NPR gibt es sie, unter dem Titel TED Radio Hour (hörenswert z.B. die Ausgabe über die Kunst des Hörens).

Nun arbeitet TED an einem neuen Podcast. Es wird schnell klar, warum die Ideenverbreiter hier auf Audio und nicht auf Video setzen: Der neue Podcast heisst „Sincerely, X“ und soll all jenen eine Stimme geben, die nicht auf eine Bühne wollen, weil sie anonym bleiben müssen. Das könne laut einem beteiligten Produzenten eine Mutter sein, deren Mann sich als homosexuell geoutet hat, oder ein Arzt, der über einen schweren Fehler erzählt. „Sincerely, X“ soll Ende 2016 unter dem Label des Audio-Unternehmens und Amazon-Tochter Audible erscheinen. (Quelle: www.fastcoexist.com)

Tipps und Kommentare erwünscht

Wer kann mir sonst einen Podcast empfehlen? Ich suche vor allem auch gute Beispiele aus dem deutschsprachigen Raum und aus dem sonstigen Europa. Wer weiss mehr über den Podcastmarkt? Wer über technische Finessen des Podcastings?

Ich freue mich über eure Hinweise!

Braches Feld im deutschsprachigen Raum

„This American Life“, „Radiolab“, „99% Invisible“ – das sind Leuchttürme der Podcast-Welt. Sie erzählen umwerfende, wahre Geschichten auf eine gleichzeitig durchkomponierte wie lockere Art. Für mich waren solche Podcasts, als ich noch als Produzent beim öffentlich-rechtlichen Schweizer Radio und Fernsehen SRF arbeitete, eine veritable Horizonterweiterung, inhaltlich wie formal. Und gleichzeitig vermisste ich manchmal in den Traditionen des Radios die Freiheiten, die sich Podcaster nehmen können. Sei es schon nur, um sich vom fixen Zeitkorsett der Sendungslängen zu befreien.

Ich selber habe mir die Freiheit erlaubt, nach etlichen Jahren beim Radio und im runden Alter von 50 Jahren meine feste Anstellung aufzugeben und mir erst mal für all das Zeit zu nehmen, was vorher immer meine Neugier geweckt, aber nicht gestillt hatte. Dazu gehört die journalistische Podcast-Welt. In diese tauche ich nun ein, auf der Suche nach Perlen, nach den neuesten Diskussionen und nach Antworten auf Fragen wie:

-        Was braucht es für einen wirklich guten Podcast?

-        Existieren auch ausserhalb der USA inhaltlich und formal überzeugende Podcasts?

-        Gibt es im deutschsprachigen Raum einen Markt für Podcasts?

Meinen Blog schreibe ich auf Deutsch, auch wenn die meisten sonstigen Podcast-Blogs in Englisch erscheinen. Besser gesagt: gerade deswegen. Aus meiner Sicht ist der deutschsprachige Podcast-Raum (und ich spreche da von gut gemachten journalistischen Podcasts) noch immer ein ziemlich braches Feld. Erste Pioniere wie Viertausendhertz haben schon begonnen, das Feld zu beackern. Es kann nicht schaden, die Diskussionen hier zusätzlich etwas anzukurbeln (zu meinem eigenen Podcast-Projekt dann später mehr).

Beim Blick in die USA ist es für mich kein Zufall, dass etliche Top-Podcasts einen engen Bezug zum öffentlichen, nichtkommerziellen National Public Radio NPR haben. Einerseits werden sie neben dem Web auch auf NPR-Sendern ausgestrahlt. Andererseits gehören viele ehemalige oder gegenwärtige NPR-Leute zu den besten Podcastern. Offensichtlich lernt man im öffentlich-rechtlichen Rundfunk - trotz der dort oft beklagten Innovationsträgheit – nach wie vor besonders gut Geschichten zu erzählen und diese zu einem Hörerlebnis zu machen.

Nicht einverstanden mit dieser These? Antworten parat auf obige Fragen zur Podcastwelt? Erfahrungen, Tipps und Tricks zu Podcasts und zum Podcasting? Ich freue mich von euch zu hören!

PS: Ich habe eine Twitter-Liste erstellt mit dem Who-is-who des Podcastings. Die Liste ist per sofort öffentlich. Ihr findet sie über diesen Link.